Für Karrieren und Velos

Die Projekt-Werkstatt verhilft Erwerbslosen seit 20 Jahren zu besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig ist sie auch preiswerte Anlaufstelle für Velo-Reparaturen und Käufe.

Kathrin Reimann
Drucken
Teilen
Andy Frank (links) und Stefan Britt in der Projekt-Werkstatt beim Güterbahnhof. (Bild: Ralph Ribi)

Andy Frank (links) und Stefan Britt in der Projekt-Werkstatt beim Güterbahnhof. (Bild: Ralph Ribi)

Zuerst arbeitete Andy Frank als Automechaniker, danach studierte er Soziale Arbeit und war während acht Jahren in der Gassenarbeit tätig. Der eigene Werdegang sowie die Erkenntnis, dass vor allem Arbeitsplätze zur Reintegration in den Arbeitsmarkt fehlen, inspirierten ihn vor 20 Jahren zur Gründung der Projekt-Werkstatt. Eine Non-Profit-Velo-Werkstatt, die preiswerte Velos, Restaurationen und Reparaturen anbietet. Gleichzeitig ist sie für jeweils 35 Stellensuchende während sechs Monaten Arbeitgeber. Die Erwerbslosen werden je nach Fähigkeit in der Fahrzeug- und Metallwerkstatt, der Montage- und Lagerbewirtschaftung, der Restauration von Velos oder in anderen Bereichen wie etwa der Küche eingesetzt. Zudem hat Frank ein Team aus drei Arbeitsagogen, die bei der beruflichen Integration helfen, einem Sozialarbeiter sowie zwei Velomechanikern um sich und bildet Arbeitsagogen und Lehrlinge aus.

Strukturen und Chancen

«Für mich ist meine Tätigkeit ein Traumjob, mit schönen und manchmal auch schwierigen Aspekten», sagt Frank. So sei gerade gestern ein ehemaliger Erwerbsloser zu ihm gekommen und habe ihm erzählt, dass er einen Monat vor seiner Aussteuerung doch noch eine Stelle gefunden habe. «Er war so glücklich, dass war ein schöner Moment.» Schwierig sei es, die Frustration von älteren Erwerbslosen auszuhalten, die schwer im Arbeitsmarkt zu integrieren oder ausgemustert seien. «Man muss mit ihrer Enttäuschung umgehen können und ihnen weiterhin Mut machen.» Zugewiesen werden die Erwerbslosen jeden Alters – vorwiegend Männer, da handwerkliche Fähigkeiten im Vordergrund stehen – vom RAV, der SUVA, der IV sowie verschiedenen Gemeinden. Durch gezielte individuelle Betreuung, Job-Coaching und der Erarbeitung eines Kompetenzportfolios werden ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöht, ihre Perspektiven erweitert und ihre Tage strukturiert.

Das Velo als Mittel zum Zweck

«30 bis 35 Prozent unserer Erwerbslosen finden nach ihrem Einsatz bei uns tatsächlich eine Stelle», sagt Arbeitsagoge und Jobcoach Stefan Britt, der seit sieben Jahren in der Projekt-Werkstatt arbeitet. Auch er hat einen handwerklich geprägten Werdegang und war einst als Maurer tätig. «Ich liebe meinen heutigen Job», sagt er. Und erklärt, dass hier das Velo zwar die Leidenschaft jedes Teammitgliedes, aber dennoch Mittel zum Zweck sei. «Wir könnten eigentlich in unseren Hallen am Güterbahnhof auch Bäume pflanzen – unser Hauptziel ist es nämlich, Menschen zu mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verhelfen.» Und er ist überzeugt davon, dass in der Schweiz jeder einen Job finden kann, der ihm gefällt.

Motivierend und spannend

Dass Andy Frank seinen Job als Projekt-Werkstatt-Leiter satte 20 Jahren machen würde, hat er sich 1994 nicht träumen lassen. «Aber es ist alles da: Velos, Kunden und Erwerbslose.» 3000 Velos verarbeiten sie hier pro Jahr, die meisten werden danach nach Afrika exportiert, viele werden aber auch von St. Gallern gekauft. «Unser Service wird sehr geschätzt, und diese Wertschätzung motiviert und spornt an», sagt er. Sei es nun wegen eines glücklichen Kunden, der sich ab seinem alten «Renner» freut, oder wegen eines Erfolgserlebnisses eines Erwerbslosen.

Aktuelle Nachrichten