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Für einen Markt mit Moral

Sind die Spielregeln des Marktes eine Art Naturgesetz, mit dem man sich abfinden muss? Dem hält Ulrich Thielemann ein klares Nein entgegen. Sein Credo: Menschliche Marktwirtschaft.
Josef Osterwalder
Ulrich Thielemann: Die Marktgesetze kritisch betrachten. (Archivbild: Hanspeter Schiess)

Ulrich Thielemann: Die Marktgesetze kritisch betrachten. (Archivbild: Hanspeter Schiess)

Ulrich Thielemann sei wohl der berühmteste Privatdozent der HSG, so stellte Ulrich Schmid den Wirtschaftsethiker am Dienstagabend vor; einer, der den Ruhm allerdings nicht gesucht habe, sondern von diesem ereilt worden sei. Anlass war die Vorlesung, die zum Abschluss von Thielemanns Habilitierungsverfahren gehört. Mit einem Vortrag muss ein angehender Professor beweisen, dass er fähig ist, eine Vorlesung zu halten.

Diesen Beweis ist Thielemann nicht schuldig geblieben. In freier Rede und ausdrucksstarker Gestik hielt er nicht nur eine Vorlesung, sondern entwickelte ein ganzes Gedankengebäude, bald im reflektierenden Vortragsstil, dann wieder in leidenschaftlicher Rhetorik. Schliesslich enthält seine Habilitationsschrift ganz explizit eine Kritik des Neoliberalismus, also jener Theorie, die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks ihren Siegeszug antrat, um seit der Banken- und Wirtschaftskrise ein argumentatives Jammertal zu durchwandern.

Kritik mit Nachhall

Thielemanns kritische Bemerkung zum Schweizer Bankwesen hatte ihm 2009 noch Ärger eingebracht, doch inzwischen hat sich das Bankgeheimnis schon weit mehr verändert, als der deutsche Dozent vor zwei Jahren ahnen konnte.

Und auch die Grundthese Thielemanns, dass sich die marktwirtschaftlichen Prozesse nicht ohne einen von der Politik gesetzten Rahmen abspielen dürfe, ist heute keine Aussenseitermeinung mehr. Es ist das, was zurzeit von der Wall Street bis zum Paradeplatz skandiert wird.

Thielemann selber versteht sich freilich nicht als Propagandist, sondern als Wissenschafter. Er will nicht Rezepte verteilen, sondern Forschungsfelder abstecken. Im Gespräch nach der Vorlesung spricht er auch immer wieder Bereiche an, von denen er nichts verstehe, die aber aufgegriffen werden müssten. An seinem grundsätzlichen Credo aber ändert dies nichts: Moral kommt vor dem Markt.

Ethischer Vorentscheid

Thema der Vorlesung war ein Streifzug durch die neuern in der Wirtschaftswissenschaft gelehrten Dogmen. Im Vordergrund die Idee: dass es genüge, die Marktkräfte spielen zu lassen, dann stelle sich wie von selbst das Glück für alle ein. Dem hält Thielemann gegenüber, dass das entscheidende Marktprinzip die Gewinnmaximierung sei. Dies führe unweigerlich dazu, dass nicht Unternehmen entwickelt, sondern Portefeuilles geäufnet und die Beschäftigten nicht als Menschen, sondern als Gewinnsubstrate betrachtet werden.

Thielemann ist jedoch überzeugt, dass allem Handeln ein ethischer Vorentscheid zugrunde liege. Im Fall des Marktes der Entscheid, ob neben Gewinnmaximierung auch andere Gesichtspunkte wie Solidarität, Fairness, Sinnfrage eine Rolle spielen.

Integrative Wirtschaftsethik

Weil alles Handeln ethisch gesteuert ist, kann Wirtschaftsethik nach Thielemann nicht einfach ein Fach neben andern bilden, sondern müsste wie ein Cantus firmus den Boden für alle Wirtschaftsfächer bilden. In diesem Sinne könnte sie dann überflüssig werden, wenn sie allgegenwärtig geworden sei.

Thielemanns Thesen sind nicht einfach verhallt. Die Diskussion wurde beim Apéro im Foyer noch lange fortgesetzt. Dabei verriet er auch, welcher Text ihn in jüngster Zeit am meisten beeindruckt habe: die Sozialenzyklika Papst Benedikt XVI. «Caritas in veritate».

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