Für eine zweite Chance

GOSSAU. Im Secondhand-Buchladen Buch WinWin in Gossau wird nicht nur Lesestoff aus zweiter Hand verkauft, sondern auch Menschen mit unterschiedlichsten Problemen eine Arbeitsmöglichkeit geboten. Einer von ihnen ist «Kurt».

Marion Loher
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Gebraucht, aber gut erhalten sind alle Bücher im Gossauer Secondhand-Laden Buch WinWin. (Bild: Urs Bucher)

Gebraucht, aber gut erhalten sind alle Bücher im Gossauer Secondhand-Laden Buch WinWin. (Bild: Urs Bucher)

Mit Hape Kerkeling den Jakobsweg erleben, mit Commissario Brunetti einen neuen Fall lösen oder mit Globi die Tierwelt entdecken – im Buch WinWin an der St. Gallerstrasse 12 gibt es Lesestoff für Gross und Klein. Das Besondere: Es sind alles Secondhand-Bücher. Solche, die bereits ein- oder mehrere Male gelesen wurden. Alle seien sie gut erhalten, sagt Ladenleiterin Edla Stuker. «Bevor wir die Bücher zum Kauf auslegen, kontrollieren und reinigen wir sie.» Es würden nur jene behalten, die ihren Qualitätsansprüchen genügten. Anforderungen, denen auch die CDs, DVDs, Schallplatten oder Gesellschaftsspiele, die ebenfalls zu günstigen Preisen verkauft werden, entsprechen müssen.

Mit sozialem Auftrag

Buch WinWin bietet einerseits Lese- und Musikstoff aus zweiter Hand an. Anderseits bekommen hier Menschen, die aus verschiedensten Gründen keinen Platz im regulären Arbeitsmarkt finden, eine Arbeitsmöglichkeit. Diese kann auch im Rahmen einer IV-Massnahme oder eines Einsatzprogramms für Arbeitslose stattfinden. Die Buchhandlung ist Teil der Stiftung Tosam mit Sitz in Herisau. Die Stiftung versteht sich als Einrichtung mit sozialem Auftrag, wobei unter anderem ein vielseitiges Angebot an Stellen im alternativen Arbeitsmarkt aufgebaut werden soll. Zwischen der Stiftung Tosam und dem Bundesamt für Sozialversicherung bestehen Tarifverträge. Nebst Buch WinWin gehören sieben weitere Institutionen im Raum St. Gallen/Appenzell zu «Tosam». Im Geschäft in Gossau gibt es zurzeit sieben derartige Arbeitsplätze.

Viel Verständnis und keine Angst

Der 32jährige Kurt (Name von der Redaktion geändert) arbeitet seit einem Jahr mit einem 50-Prozent-Pensum in der Gossauer Buchhandlung. Wegen eines chronischen Migräneleidens war es ihm in der Vergangenheit nicht möglich, im regulären Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Regelmässige Migräneanfälle – «mehrmals pro Woche» – machten ihn immer wieder kurzfristig arbeitsunfähig. Er musste deswegen zwei Lehren abbrechen und verschiedene Arbeitsstellen wieder aufgeben. Seit seinem 18. Lebensjahr ist er bei der IV angemeldet und bekommt eine Rente. Kurt ist froh, endlich wieder arbeiten und zeigen zu können, was in ihm steckt. Die entspannte Atmosphäre im Buchladen, das Verständnis seiner Vorgesetzten und keine Angst haben zu müssen, die Stelle zu verlieren, wirkten sich positiv auf sein Leiden aus, sagt er. Die Migräneattacken würden zwar immer noch auftreten, jedoch «nur noch so zwei- bis dreimal in der Woche».

Bei Buch WinWin sind alle Mitarbeitende Allrounder, das heisst, sie alle verkaufen Bücher, beraten die Kundschaft, räumen die Regale auf oder kontrollieren die gebrachte Ware. Jeder aber habe auch seine Präferenzen, sagt der junge Mann. Er, beispielsweise, kümmere sich zusätzlich noch um den Musikbereich, pflege die Homepage und kreiere die Flyer für Veranstaltungen. So könne er seine beiden grossen Leidenschaften – die Musik und das Grafische – mit in den beruflichen Alltag einfliessen lassen, was ihm grossen Spass mache. Kurt hofft, noch eine Weile in der Secondhand-Buchhandlung arbeiten zu können. «Denn hier werde ich an dem gemessen, was ich bin», sagt er, «und nicht an dem, was ich nicht bin».

Nicht auf Gewinn aus

Die Stiftung Tosam finanziert sich aus Betriebserträgen, Spenden und Subventionen. «Als soziale Einrichtung», so Edla Stuker von Buch WinWin, «sind wir nicht auf ökonomischen Gewinn aus.»

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