FROSTSCHÄDEN: Hummeln fliegen gegen Frost an

Nach den Wetterkapriolen der vergangenen Tage rechnen die Bauern mit Ernteausfällen von bis zu 100 Prozent. Sie versuchen zu retten, was zu retten ist – etwa mit Hilfe von Hummeln.

Noemi Heule
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«Ich kann noch lachen», sagt Ivo Sager, obschon viele Blüten Schäden davontrugen. (Bilder: Noemi Heule)

«Ich kann noch lachen», sagt Ivo Sager, obschon viele Blüten Schäden davontrugen. (Bilder: Noemi Heule)

Noemi Heule

noemi.heule

@tagblatt.ch

Die Apfelbäume in den Plantagen von Ivo Sager in Lömmenschwil treiben prächtige rosa Blüten. Während der Schnee andernorts ganze Plantagen zerstörte, trotzten sie den schweren Flocken. Nicht aber dem Frost. Er hat sie im Innersten getroffen: «Die Blüten sind tot», sagt Sager, zupft eine vom Stiel und zerdrückt sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Der braune Kern bestätigt seine Diagnose; dieser Zweig wird keine Früchte tragen.

Von «ausserordentlichen Schäden» spricht Richard Hollenstein von der Fachstelle für Obstbau in Flawil. Deren Ausmass sei noch immer schwer abzuschätzen. «Ein Fazit können wir erst im Sommer ziehen», sagt er. Die Unterschiede zwischen den Betrieben seien teils immens. Während einige Bauern fast hundertprozentige Ernteausfälle beklagen, kamen andere vergleichsweise glimpflich davon. Sogar innerhalb eines einzelnen Betriebes könnten sich Unterschiede zeigen. Ausschlaggebend sei das Mikroklima: «Bereits ein Grad mehr oder weniger kann über das Überleben der Früchte entscheiden.»

Keine Aprikosen und deformierte Äpfel

Diese feinen Unterschiede spürt auch Bauer Sager auf seiner Plantage. Entlang der Strasse etwa sind die Blüten noch intakt. «Der Asphalt heizt sich durch den Verkehr auf und gibt die Wärme auf die nahe Plantage ab», sagt er. Ohnehin seien seine Obstbäume gut gelegen. Leicht fällt das Gelände ab, im Hintergrund glitzert der Bodensee. «Die Kälte fliesst gegen den See ab.» Dennoch: Auch Sager verzeichnet Verluste. «Die Aprikosenernte fällt heuer ganz aus», sagt er. Durch den milden Frühling trugen die Pflanzen bereits Früchte, die nun allesamt erfroren sind. Auch bei den Birnen sieht seine Prognose düster aus. Etwas besser erging es den Äpfeln, je nach Sorte überlebte rund ein Zehntel der Blüten. «Ich habe noch Hoffnung», sagt Sager. Ein Zehntel nämlich reicht für eine Vollernte eigentlich aus. Normalerweise aber entscheidet der Bauer, welche Früchte ausreifen und welche nicht. Im Frühsommer werden die schlechten Exemplare aussortiert, um die Last auf die Zweige zu verringern. «Jetzt müssen wir einfach nehmen, was übrig bleibt.» Die verbleibenden Blüten trugen Frostschäden davon, die nun mit den Früchten mitwachsen. Ivo Sager rechnet deshalb mit deformierten Äpfeln oder solchen mit braunen Frostringen.

Hummeln sollen Pollen bringen

Auch bei den Kirschen und Zwetschgen hat der Bauer noch Hoffnung. Die Bäume seien jedoch in einer «extremen Stresssituation». Dabei müssten die verbleibenden Blüten nun unbedingt wachsen und vor allem bestäubt werden. Noch immer sind die Temperaturen dafür zu niedrig. Die Bienen setzen sich erst bei rund zwölf Grad in Bewegung. Bauer Sager hat nun eigens Hummeln angeschafft. Sie sind bereits bei sechs Grad Celsius aktiv und sollen nun helfen, die überlebenden Blüten schleunigst zu befruchten.

Ob intakte Blüten noch bestäubt werden, sei nun entscheidend für die kommende Ernte, sagt auch Richard Hollenstein. Im Verlaufe des Sommers zeigen sich sodann die Auswirkungen der Wetterkapriolen der vergangenen Tage. Es sei schwierig, an Erfahrungen vergangener Jahre anzuknüpfen, sagt er. Frostnächte Ende April seien an sich keine Seltenheit. Das Problem war jedoch der warme März, der die Pflanzen bereits früh erblühen liess. «Da bleibt immer ein mulmiges Gefühl zurück.» Dieses Bauchgefühl hat sich nun bestätigt und gar schlimme Befürchtungen übertroffen. Auch jene von Bauer Ivo Sager. Er sagt: «In 25 Jahren habe ich einen solchen Frost noch nicht erlebt.»