Frosch sucht Fröschin

Die Temperaturen steigen langsam, Frösche und Kröten zieht es wieder in Scharen zur Fortpflanzung in Tümpel und Weiher. Dafür, dass die Tiere auf dem Weg zur Liebsten nicht unter die Räder kommen, sorgen in Abtwil auch Familien.

Corinne Allenspach
Merken
Drucken
Teilen
Die Fröschesammler: Die Familien Mitruccio und Guerra mit Leuchtweste, Kübeli und Taschenlampe. (Bild: Urs Bucher)

Die Fröschesammler: Die Familien Mitruccio und Guerra mit Leuchtweste, Kübeli und Taschenlampe. (Bild: Urs Bucher)

Abtwil. Die kleinen Füsse tapsen nur noch langsam. Die Augenlider werden schwerer, das Kompostkübeli schleift immer mal wieder über den Asphalt. Die Zottel der roten Kappe tanzen lustig auf und ab, die Winnie-Puh-Weste leuchtet im Schein der Taschenlampe. Laura gähnt. Es ist kurz vor 21 Uhr. Normalerweise liegt die Fünfjährige um diese Zeit längst im warmen Bett. Aber heute hat sie Wichtigeres zu tun. «Ä bitzeli ufgregt» sei sie schon gewesen, sagt sie. Ihre Eltern und Schwester Loredana (10) helfen als Freiwillige des Naturschutzvereins St. Gallen und Umgebung seit vier Jahren, am Abtwiler Sonnenberg Frösche und Kröten zu retten. Erstmals dabei sind auch die Tante und Cousine Gloria (6).

Ein Spässchen gemacht

Es ist eine sternenklare Nacht an diesem Freitag. Die Bäume im Waldstück zwischen Restaurant Sonnenberg und Säntisblick sind nur schemenhaft zu erkennen. Stramm wie Soldaten stehen sie da, in der Ferne heult ein Waldkauz. Zum zweiten Mal patrouilliert der Helfertrupp die Strasse hinauf und wieder hinunter. Plötzlich bleibt Laura stehen, zündet mit ihrer Taschenlampe auf einen braunen Fleck. Die anderen eilen herbei, die Fünfjährige gigelet. Schwester Loredana erkennt rasch: Laura hat nur ein Spässli gemacht. «Sie tut so, als hätte sie einen Frosch gefunden.» In Wahrheit ist es ein Pferdeapfel. Und das Kompostkübeli ist noch immer leer. Kein Froschschenkel in Sicht.

Ab circa Mitte März wandern wie vielerorts auch am Abtwiler Sonnenberg die Amphibien (siehe Kasten). Die Grasfrösche, Wasserfrösche, Erdkröten und Bergmolche ziehen aus ihren Winterquartieren zu den Weihern und Tümpeln, in denen sie selber aufgewachsen sind, um zu laichen. Dabei kommen die kleinen Hüpfer über die Wiese vom Säntisblick her Richtung Neuchlen. Auf dem warmen Asphalt der Sonnenbergstrasse bleiben sie gerne sitzen, um sich aufzuwärmen. Ohne die Familien Mitruccio und Guerra sowie andere Freiwillige kämen die Tiere im wahrsten Sinne des Wortes «unter die Räder». Im aktuellen Gaiserwalder Gemeindeblatt schreibt Loredana: «Doch auf der Strasse ist es gefährlich, da gibt es Autos, die sie plattwalzen, wenn sie nicht aufpassen!»

Zehnjährige als Froschexpertin

Die Fünftklässlerin ist schon eine richtige Amphibien-Expertin. Gute Augen und eine gute Taschenlampe brauche man, um Frösche zu retten, sagt sie nach vier Jahren Erfahrung. Und Handschuhe: «Weil manche Tiere giftig sind.» Mit dem Anfassen der Frösche und Kröten hat sie keine Mühe. Im Gegenteil. «Fröscheeinsammeln ist lustig, weil sie so weich sind.» Hat sie keine Angst, sie zu zerdrücken? Loredana schüttelt den Kopf. «Man spürt die Frösche atmen und weiss, wie fest man drücken darf.»

Bei den Erdkröten seien die Weibchen grösser als die Männchen, erklärt die Zehnjährige weiter. Und ihr Vater fügt lachend an: «Manchmal sammeln wir auch <Doppeldecker> ein.» Diese seien unzertrennlich. So sehr klammert sich das Männchen auf dem Buckel des Weibchens fest. Und hat dabei nur noch eines im Kopf.

Neue Woche, neue Suche

Scheinwerfer blitzen auf, ein Auto nähert sich rasend schnell, vorbei an der «Achtung Frosch»-Tafel. Loredanas Vater zuckt die Schultern. «Einigen ist es egal.» Er kontrolliert nochmals, ob wirklich kein Frosch unterwegs ist an diesem Abend. Nichts regt sich. Zeit für die Familien Mitruccio und Guerra, nach Hause zu gehen. Kommenden Freitag sind sie wieder unterwegs. Und mit ihnen hoffentlich viele kleine Hüpfer. Oder wie es Loredana ausdrückt: «Ich freue mich mehr aufs Fröschesammeln, wenn mehr Frösche da sind.»