Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Freude am Singen als Königsweg

Das grösste Geschenk macht sich der St. Galler Kantonal-Gesangsverband zum 150-Jahr-Jubiläum gleich selbst: Er lädt ab heute zum dreitägigen Gesangsfest in Oberbüren. 94 Chöre mit 2500 Sängern nehmen teil.
Christoph Zweili
Das 150-Jahr-Jubiläum begeht der St. Galler Kantonal-Gesangsverband nicht nur mit dem Gesangsfest – es finden auch offene Singen statt, wie 2015 das Olmasingen in der Arena. (Bild: pd)

Das 150-Jahr-Jubiläum begeht der St. Galler Kantonal-Gesangsverband nicht nur mit dem Gesangsfest – es finden auch offene Singen statt, wie 2015 das Olmasingen in der Arena. (Bild: pd)

Die Botschaft ist banal – aber die 54jährige Goldacherin Esther Kuster sagt es aus tiefstem Herzen: «Singen ist Freude.» Seit 2010 präsidiert sie den St. Galler Kantonal-Gesangsverband. Der feiert morgen Samstag das 150-Jahr-Jubiläum, verpackt ins kantonale Gesangsfest in Oberbüren. 94 Chöre stellen sich den gestrengen Augen und Ohren der Jury, mehr als es 2011 beim letzten Kantonalen in Rebstein-Marbach waren. Deutlich mehr auch als noch 1913 in Rapperswil. «Totgesagte leben länger», sagt ein Sprichwort. Auf den mit der Aufklärung umgestalteten Chorgesang, heute oft als verkrustetes und verstaubtes Auslaufmodell apostrophiert, trifft das Sprichwort zu. Und Kuster ist felsenfest überzeugt: «Das Chorsingen lebt.» Zwar mag auch im Kanton St. Gallen die Hochblüte des Chorgesangs vorbei sein, lösen sich einzelne Chöre auf, leiden an Mitgliederschwund oder Überalterung. Andere aber schaffen den Spagat – sie blicken auf eine lange Geschichte zurück und bleiben gleichzeitig lebendig. Der 1857 gegründete Männerchor Gossau etwa ist mit 100 aktiven Sängern der grösste Chor im Kantonalverband und einer der renommiertesten.

Mehrwert für Chöre schaffen

Die Zahl von rund 90 Mitgliedschören ist seit Jahrzehnten stabil, derweil es in anderen Kantonen längst kriselt. Das Geheimnis dahinter: «Statt den Kopf in den Sand zu stecken, packen wir an», sagt die Präsidentin. Um sich zu erneuern, brauche das Chorwesen Nachwuchs. Der Kantonalverband habe dies erkannt und zeige Auswege auf. «Wir schaffen als Verband einen Mehrwert für die Chöre. Zehn gemischte Jugendchöre sollen die Zukunft der Erwachsenenchöre sichern. «Wer bereits in jungen Jahren Chor-Erfahrungen gemacht hat, wird später eher vom Mitmachen in einem Chor überzeugt sein», ist Kuster überzeugt. Das zahlt sich zwar erst in einigen Jahren aus, aber es sei wichtig, bereits heute damit zu beginnen. Der Kantonalverband regelt auch die Suisa-Gebühren für seine Mitglieder, hat die musikalische Ausbildung ausgebaut und Weiterbildungsmöglichkeiten für Chorleitende geschaffen. Und er hat eine Software gekauft, mit der die Sänger ihre Stimmen aus den Partituren üben können, ohne dass sie Noten lesen müssen. Der Kantonalverband organisiert auch besondere Auftritte wie das Olma-Singen, das nun alle drei Jahre stattfindet. Oder im Jubiläumsjahr auch ein offenes Singen in der St. Galler Stiftskirche am 20. August.

Den Zeitgeist ansprechen

Das Gesangsfest, das grösste Ereignis im Jubiläumsjahr, ist ein Schaufenster, um ein breites Publikum anzusprechen. Um zu zeigen, wie viel Emotionen im Chorgesang stecken und wie differenziert ein Gesangsstück vorgetragen werden kann. Vorbei die Zeiten, als derselbe Wettvortrag der Jury x-mal vorgetragen wurde. «Heute sucht jeder Chor eine eigene Identität», sagt Kuster. Die Lieder werden ohne Notenblatt frei vorgetragen. Einige Formationen ergänzen ihre Vorträge durch eine Choreographie oder bringen Requisiten mit auf die Bühne. Obwohl traditionell gewachsen, setzen die Chöre heute vermehrt auch auf das früher verpönte englische Liedgut und kleine Showeinlagen, um das Publikum und den Zeitgeist anzusprechen. «Wenn sich ein Verein entwickeln will, muss er auch das Repertoire anpassen», sagt Kuster. Über die Chorstücke entscheidet daher nicht der Dirigent allein. Eine Musikkommission repräsentiert dabei die Vereinsbasis.

95 weltliche Chöre mit rund 2500 Sängerinnen und Sängern sind im kantonal-st. gallischen Verband organisiert – vom A-cappella-Quartett bis zur Grossformation, vom reinen Männer- oder Frauenchor über die gemischten Chöre bis zum Kinder- und Jugendchor. Weil die führenden Komponisten die Gattung Frauenchor vernachlässigten, formierten sich die Frauenchöre in der Schweiz allgemein langsamer als die Männerchöre, die ab 1843 mit ihrem Gesang die damals herrschende patriotische, freisinnige und freiheitliche Gesinnung an eidgenössischen Gesangsfesten ausdrückten. Der älteste Männerchor der Welt ist 1810 in Zürich gegründet worden, in der Ostschweiz gefolgt von den Männerchören von St. Gallen und Teufen.

Vereinsgeschichte verbrannt

Der St. Galler Kantonalverband ist deutlich jünger. Dass er überhaupt vom eigenen Gründungsdatum 1866 weiss, verdankt er dem Zufall, beziehungsweise dem Sammeltrieb seiner Geschäftsleitungsmitglieder, die die ersten Festschriften nicht ins Archiv gegeben hatten. Ein Glück, denn die im Dachgeschoss des ehemaligen Restaurants Uhler in St. Gallen aufbewahrte Vereinsgeschichte fiel Anfang der 1960er-Jahre einem Brand zum Opfer. Sie musste daher mühsam aus alten Festschriften wieder aufgearbeitet werden. «Von den Jahren 1917 bis 1967 wissen wir aber nichts mehr», sagt Kuster. Das erste kantonale Gesangsfest hatte am 1. Juli 1867 in St. Gallen stattgefunden, zwei Jahre später bereits das nächste in Altstätten. Der Turnus war damals deutlich kürzer als heute. Die allgemeine Mobilmachung 1914 lähmte später den Verband ebenso wie auch die Jahre vor und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Auch im Kanton St. Gallen ist das Singen noch überwiegend Männersache. 75 der 95 organisierten Chöre sind Männerchöre. Es gibt aber auch andere Spuren: Eine lange Geschichte hat etwa der Frauenchor Flawil, der 1993 das 125jährige Bestehen feierte. In der damaligen Festschrift ist von einem Monatsbeitrag von 30 Rappen die Rede, jeweils zu entrichten an der ersten Probe des Monats, einem Sonntag. 2013 taten sich die Frauenchöre Flawil und Degersheim, 1876 gegründet, zusammen.

Der Frauenchor Flawil mit Dirigent Peter Stieger im Jubiläumsjahr 1993. (Bild: pd)

Der Frauenchor Flawil mit Dirigent Peter Stieger im Jubiläumsjahr 1993. (Bild: pd)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.