Fremden ein Gesicht geben

Unter dem Thema «Heimat» fand am Freitag in Wittenbach ein Interkulturelles Gesprächs- und Begegnungsfest statt. Flüchtlinge kamen dabei zu Wort und erzählten ihre Geschichte.

Manuela Bruhin
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Die Eritreerin Asmaret las mit Hilfe eines Begleiters ihre Geschichte dem Publikum vor. (Bild: Michel Canonica)

Die Eritreerin Asmaret las mit Hilfe eines Begleiters ihre Geschichte dem Publikum vor. (Bild: Michel Canonica)

WITTENBACH. Shabnam ist 24 Jahre alt und lebte in Kabul. Wer die junge Frau betrachtet, ahnt nicht, welch dramatische Geschichte sie in die Schweiz geführt hat. Anlässlich der interreligiösen Dialog- und Aktionswoche (IDA) fand am Freitag ein Interkulturelles Gesprächs- und Begegnungsfest statt. Shabnam war eine der Flüchtlinge, die dem Publikum ihre Geschichte erzählte.

Seit 2014 lebt sie hier, ihre Mutter und Geschwister musste sie in Pakistan zurücklassen. Ihr Vater, der als Chefredaktor arbeitete, wies in seinen Artikeln immer wieder auf die Machenschaften der Taliban hin, kritisierte sie. Mit 18 Jahren trat Shabnam eine Stelle bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an, arbeitete dort fünf Jahre lang. «Die Taliban fanden heraus, dass ich die Tochter jenes Journalisten bin, welcher sie stets kritisierte», erzählte sie im Pfarreizentrum Vogelherd vor vollen Reihen.

Dankbar und glücklich

Schliesslich wurde Shabnam von den Taliban überwacht, erhielt viele Drohschreiben. «Sie wollten, dass ich die Arbeit bei der WHO kündige – oder ich würde sterben», erinnerte sich die 24-Jährige. Die Polizei half ihr nach eigenen Angaben nicht – es blieb ihr nur noch die Flucht. Über Genf kam sie nach Kreuzlingen, wo sie in einem Auffangzentrum untergebracht wurde. Seit 2015 lebt sie in Wittenbach. «Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich hier in Freiheit sein darf», so die junge Frau.

Neben Shabnam kam auch Asmaret aus Eritrea zu Wort, die ebenfalls ihr Heimatland verlassen musste. «Ich wurde vom Militär verfolgt», erzählte sie. Mit Schleppern kam sie schliesslich über Italien in die Schweiz. Das Boot drohte zu sinken, die Küstenwache rettete die Flüchtlinge jedoch.

So unterschiedlich die Geschichten der verschiedenen Flüchtlinge an diesem Abend auch waren, so dankbar sind sie alle, in der Schweiz Unterschlupf gefunden zu haben.

Die Sprache ist sehr wichtig

Organisiert wurde der Anlass von der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Tablat, der katholischen Kirchgemeinde sowie dem K-Treff Wittenbach. «Unser Ziel ist es, dass Fremde ein Gesicht erhalten», so Pfarreibeauftragter Christian Leutenegger. Im Anschluss fand mit dem Gemeindepräsidenten Fredi Widmer ein Podiumsgespräch statt. Fragen nach dem Heimatgefühl wurden diskutiert und Alltagsprobleme besprochen. Diese betreffen häufig kleine Dinge wie das Busfahren. «Die Sprache ist sehr wichtig», so der Tenor der Flüchtlinge und Organisatoren. «Sie funktioniert wie ein Schlüssel und öffnet Türen.»