Freispruch für Oberärztin nach Fehldiagnose

ST.GALLEN. Eine ehemalige Oberärztin Gynäkologie am Spital Wil ist nicht mitverantwortlich für den Tod einer 34-jährigen Frau, die nach der Totgeburt ihres Kindes verblutete. Das Kantonsgericht St.Gallen wies am Dienstag die Berufung der Staatsanwaltschaft ab.

Drucken
Teilen
Im Spital Wil verblutete eine 34jährige Frau nach der Totgeburt ihres Kindes. (Bild: Hanspeter Schiess)

Im Spital Wil verblutete eine 34jährige Frau nach der Totgeburt ihres Kindes. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Bäuerin und siebenfache Mutter erlitt im Oktober 2007 nach einer Fehldiagnose Organschädigungen, unter anderem am Herzmuskel. Die Frau hatte bei der Totgeburt einen lebensgefährlichen Gebärmutterriss erlitten. Als die Patientin nach mehreren Stunden notfallmässig ins Kantonsspital St. Gallen verlegt wurde, war es zu spät. Sie starb im Kantonsspital.

Alleinige Verantwortung bei Chefärztin
Die Chefärztin der Gynäkologie am Spital Wil wurde im Juni 2012 verurteilt. Das Kreisgericht Wil sprach gegen sie wegen fahrlässiger Tötung eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren aus. Die Chefärztin hatte eine Fehldiagnose gestellt, worauf die Patientin falsch behandelt wurde. Die Chefärztin akzeptierte das Urteil. Ihr wurde vorübergehend ein Coach zur Seite gestellt.

Die Oberärztin Gynäkologie, der Chefarzt Anästhesie und der Oberarzt Anästhesie waren vom Kreisgericht Wil freigesprochen worden. Der Staatsanwalt legte gegen den Freispruch für die Oberärztin Gynäkologie Berufung ein.

Fehldiagnose nicht hinterfragt
Die Anklage wirft der heute 53-Jährigen vor, sie habe die falsche Diagnose einer Atonie (fehlendes Zusammenziehen der Gebärmutter) ihrer Vorgesetzten nicht hinterfragt. Obwohl ein Facharzt die Möglichkeit eines lebensgefährlichen Gebärmutterrisses angesprochen habe, sei die Oberärztin untätig geblieben.

Sie habe auf Anweisung der Chefärztin eine andere Patientin untersucht, statt sich um den echten Notfall zu kümmern. "Man kann sich nicht hinter der Hierarchie verstecken", sagte der Staatsanwalt am Dienstag vor Gericht. Der Zustand der 34-jährigen Bäuerin sei lebensbedrohlich gewesen, das gehe aus den Gutachten hervor.

Die Beschuldigte habe die Sorgfaltspflicht verletzt, was zum Tod der Patientin geführt habe. Er forderte wegen fahrlässiger Tötung eine bedingte Geldstrafe von 300 Tagessätzen zu 270 Franken und eine Busse von 6000 Franken.

Von der Zeugin zur Angeklagten
Sie könne sich nicht mehr an die Details erinnern, sagte die Angeklagte vor Kantonsgericht. Sie sei erst mehr als als zwei Jahre nach dem Vorfall erstmals als Zeugin befragt worden. Bei der Visite nach dem Morgenrapport habe sie die Patientin zum ersten Mal gesehen.

Die Situation sei zu diesem Zeitpunkt nicht als kritisch eingeschätzt worden. "Ich habe mich auf die Beurteilung der Chefärztin verlassen", sagte die Ärztin, die nicht mehr am Spital Wil arbeitet. Sie bedaure den Tod der Patientin.

Ihr Verteidiger verlangte einen Freispruch. Die Verantwortung für die Patientin sei nie an die Oberärztin delegiert worden. In einem Spital brauche es eine klare fachliche Hierarchie. Die Beschuldigte habe die Krankengeschichte der Bäuerin nur rudimentär gekannt.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (sda)

Aktuelle Nachrichten