Freisinniger Musikfreak

Die Musik ist sein Beruf und seine Berufung: Marc Reinhardt hat Tausende von CDs, spielt Schlagzeug in einer Jazzformation und trifft regelmässig Grössen der Musikbranche. Seit Anfang März sitzt er für die FDP im Stadtparlament.

Tobias Hänni
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5000 Tonträger: Marc Reinhardt, seit März im Stadtparlament, neben seinem CD-Regal. (Bild: Urs Bucher)

5000 Tonträger: Marc Reinhardt, seit März im Stadtparlament, neben seinem CD-Regal. (Bild: Urs Bucher)

«Groovy, Groovy, Jazzy, Funky» – das iPhone auf dem Esstisch spielt «Cantaloupe Island» von US3. Marc Reinhardt entschuldigt sich und nimmt den Anruf entgegen. Radio Energy möchte wissen, wie viele Tickets für das Lady-Gaga-Konzert im Hallenstadion verkauft sind. Reinhardt wechselt für das kurze Radiointerview nahtlos in die PR-Sprache: «Der Vorverkauf läuft hervorragend.» Seit drei Jahren leitet der 47-Jährige, der seit kurzem für die FDP im Parlament sitzt, die Kommunikationsabteilung beim grössten Schweizer Konzertveranstalter Good News. Er bezeichnet den Job als Glücksfall, bei dem er seine Leidenschaft für die Musik mit seiner Arbeit verbinden könne. Da macht es ihm auch nichts aus, öfters Mal sieben Tage die Woche zu arbeiten und jährlich 60 000 Kilometer mit dem Auto abzuspulen.

Wie aus dem Katalog

Dass Reinhardt viel unterwegs ist, zeigt auch seine Wohnung im Haggen. Es sieht aus wie im Katalog eines Möbelhauses: Graues Designersofa, grosse Pflanzenkübel, zeitgenössische Kunst an den Wänden. Eines der wenigen Dinge hier, das etwas über den Bewohner verrät, steht in einer Ecke des Wohnzimmers. Auf einem schmalen Chromstahlgestell reihen sich Abba, Cake, Jovanotti, ZZ-Top. Blues, Jazz, Rock und Funk. Etwa 5000 Alben sind es, alphabetisch geordnet. «Früher hatte ich doppelt so viele», sagt Reinhardt. Doch weil er sie nach und nach digitalisiert, schrumpft seine CD-Sammlung. «Ich trenne mich regelmässig von Alben, die ich mir nicht mehr so oft anhöre.»

Bei «Wetten, dass…?» gemeldet

Getrennt hat sich Reinhardt irgendwann auch von den Schallplatten, «die ein ganzes Zimmer gefüllt haben.» Eine wertvolle Sammlung, für die wohl manch Liebhaber sein letztes Hemd gegeben hätte. «In der Schweiz fand sich niemand, der sich die ganze Sammlung leisten wollte.» Ein Händler aus Deutschland habe ihm dann irgendwann alle Platten abgekauft. Zusammengekommen sind die Vinyls während seiner Zeit als Musikredaktor beim damaligen Radio Aktuell. Von 1988 bis 1999 prägte Reinhardt das Musikprogramm des Senders, interviewte Bands, berichtete über das Open Air. «In dieser Zeit habe ich alles gesammelt, was mir in die Finger kam», erzählt er.

Eines Tages habe er sich mit einem Arbeitskollegen bei «Wetten, dass…?» angemeldet. Die Idee: Lieder von den 1960er-Jahren bis zur Gegenwart nach sechs Sekunden erkennen. «Leider haben sie die Wette nicht angenommen.» Inzwischen ist Reinhardt wählerischer geworden. «Ich mag Bands, bei denen man merkt: Sie haben bei den Aufnahmen geschwitzt.» Mit «toter, computergenerierter Musik», dem «Plastikpop eines Dieter Bohlen» kann er nicht viel anfangen. «Das berührt mich nicht.»

Mit Bryan Adams im Zug

Einer seiner Lieblingsmusiker ist Eric Clapton. «Ein Musiker, der sich immer weiterentwickelt hat. Und eine wahnsinnig spannende Person.» Reinhardt trifft bei seiner Arbeit regelmässig die grossen Namen der Musikbranche: Er ist mit Bryan Adams Zug gefahren, hat mit Joe Cocker vor dessen Umkleideraum geplaudert. Und das Lieblingsfoto auf seinem iPhone zeigt ihn zusammen mit Rolling-Stones-Schlagzeuger Charlie Watts. Stars kennenzulernen sei jedoch nicht seine Motivation für den Job. «Das sind meistens ganz normale Menschen.» Ein Glücksgefühl habe er, wenn er mit seinem Team einen guten Job gemacht und an einem Konzert Tausende von Menschen begeistert habe.

Ein einsames Instrument

In Teufen in einer musikalischen Familie aufgewachsen, macht Reinhardt selber seit seiner Kindheit Musik. Als Jugendlicher spielte er Schlagzeug in einer Schülerband, während seiner Ausbildung am Lehrerseminar Querflöte. «Das Instrument war mir jedoch zu einsam.» Seit 22 Jahren gibt er bei der Jazzformation Altstadt Ramblers am Schlagzeug den Takt vor. Das Instrument passe mit seinem klaren Rhythmus zu seiner Persönlichkeit. «Ich bin ein strukturierter Mensch.» Und einer, der Sachen gerne vorantreibe.

«Ich will eine starke Stadt»

Etwas zu bewegen, ist auch der Grund, weshalb Reinhardt politisch aktiv ist. «Die Politik legt die Grundlagen für die gesellschaftliche Entwicklung.» Der diplomierte PR-Berater war im Wahlstab von Stadtpräsident Thomas Scheitlin und Stadtrat Fredy Brunner, hat für die FDP den Wahlkampf der Region bei den letzten Kantonsratswahlen geleitet und an nationalen Kampagnen des Wirtschaftsverbands Economiesuisse mitgearbeitet. Im Stadtparlament möchte er sich für ein «starkes St. Gallen einsetzen.» Dazu gehöre neben Wirtschaft und Bildung auch ein breites Kulturangebot. «St. Gallen braucht ein Stadttheater und ein Naturmuseum, aber auch ein Kugl und ein Palace.»

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