FREIRAUM: Was die Stadt zur Stadt macht

Eine Stadt lebt nicht nur von Grossveranstaltungen, sondern auch von Reibungen und unscheinbaren Taten. Diese These stand im Zentrum der Ostschweizer Sozialraumtagung. Illustriert wurde sie an vielen Beispielen – darunter auch am Bahnhof Nord.

Luca Ghiselli
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Auf einem Rundgang durchs Quartier konnten sich die Teilnehmer der Sozialraumtagung ein Bild vom Bahnhof Nord machen. (Bild: Ralph Ribi)

Auf einem Rundgang durchs Quartier konnten sich die Teilnehmer der Sozialraumtagung ein Bild vom Bahnhof Nord machen. (Bild: Ralph Ribi)

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Eine Stadt setzt sich aus Bekanntem und Unbekanntem, Sichtbarem und Unsichtbarem, Licht und Schatten zusammen. Sie benötigt beide Aspekte, um Stadt zu sein. Diese Grundidee steht am Anfang der fünften Ostschweizer Sozialraumtagung, die am Dienstag von der Fachhochschule St.Gallen (FHS) und dem Netzwerk Gemeinwesenarbeit veranstaltet wurde. In fünf Workshops führten Dozierende der Fachhochschule sowie Vertreter von verschiedenen Institutionen und Vereinen die rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an verborgene Orte wie die Herberge zur Heimat oder die Stiftung Suchthilfe. Aber auch die Besichtigung von Orten, denen seit ­langem die öffentliche Aufmerksamkeit sicher ist, waren Teil des Programms. Darunter waren Schauplätze des St.Galler Nachtlebens und der Bahnhof Nord.

Dem zivilen Widerstand eine Stimme gegeben

Matthias Rickli und Roman Rutz führten in kleinen Gruppen durch das Quartier. «Wir haben den ‹Tisch hinter den Gleisen› immer als Ort der Begegnung und des Austausches verstanden», sagte Rickli. Genau dieses wichtige Element, das eine Stadt zur Stadt mache, habe bis zur Lancierung des «Tischs» aber gefehlt. Man habe also den Widerstand gegen die Pläne einer Überbauung «aus dem Unsichtbaren geholt und sichtbar gemacht» und so jenen eine Stimme gegeben, die sonst keine gehabt hätten, betonte Rutz. Man habe Druck aufbauen und aufrecht erhalten wollen. Dass die Stadt mit dem Testplanungsverfahren einen partizipativen Weg eingeschlagen habe, sei begrüssenswert. «Dass es so gekommen ist, hat aber mehrere Gründe. Wir waren nur ein Bestandteil dieser Entwicklung.»

Danach machten sich die Workshop-Teilnehmer auf einen Rundgang durchs Quartier. Die meisten von ihnen waren aus ­anderen Schweizer Städten wie Winterthur, Basel oder Zürich angereist, um an der Fachtagung teilzunehmen. Selbst aus Konstanz kamen Interessierte. Diese Konstellation ermöglichte es, für einmal eine Aussensicht auf die hier breit diskutierte Planung am Bahnhof Nord zu erhalten.

Brachliegendes Potenzial oder eingezwängtes Areal

Die Teilnehmer versetzten sich während des Rundgangs vom «Spanischen Klubhaus» zur Villa Wiesental und wieder zurück zum Fachhochschulzentrum in verschiedene Rollen. Eine Teilnehmerin übernahm die Rolle einer Investorin, ein anderer versetzte sich in Studierende, wieder eine andere Teilnehmerin betrachtete das Areal aus der Perspektive einer Anwohnerin. Aber auch ihre persönlichen Eindrücke teilten einige der Workshop-Teilnehmer, die vorwiegend in der Gemeinwesenarbeit tätig sind. Eine Teilnehmerin aus Zürich meinte: «Hier gibt es viel brachliegendes Potenzial. Es wirkt ­alles sehr stier, dabei ist es eigentlich ein schöner Ort.» Ein Teilnehmer aus Winterthur entgegnete: «Ich sehe dieses Potenzial hier nicht wirklich. Das Areal ist eingezwängt zwischen Bahnlinie und Hauptstrasse.» Eine andere aus Basel befand: «Die Villa Wiesental ist ein Schmuckstück. Man sollte mit den Eigentümern das Gespräch suchen, um mindestens den Garten zwischenzunutzen und zu beleben.» Roman Rutz, der nicht nur beim «Tisch hinter den Gleisen», sondern auch in der Studentenorganisation der Fachhochschule aktiv ist, bestätigte: «Ähnliche Dinge haben wir uns auch schon überlegt.»

Generell fanden die meisten Workshop-Teilnehmer in ihrem Fazit: «Auf dem Areal braucht es dringend Impulse. Nur schon eine Begrünung würde das Quartier aufwerten.» Und in einem Punkt waren sich alle einig: Die Initianten des «Tisch hinter den Gleisen dürften sich keinesfalls zurückziehen, sondern müssten weiterhin für ihre Anliegen einstehen. Es brauche nämlich die Einmischung der Zivilgesellschaft, um eine Stadt für alle lebenswert zu machen.