Freie Schulwahl, freie Bänke

Im St. Gallischen wird am 13. Februar über die Initiative «Freie Schulwahl auf der Oberstufe» entschieden. Diskutiert darüber wird heftig und emotional. Auch am Mittwochabend in St. Gallen.

Fredi Kurth
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Die Sportferien könnten der Grund gewesen sein, weshalb viele Plätze im Zimmer 129 der Migros-Klubschule frei blieben. Gerade einmal sieben Personen hatten auf der Schulbank Platz genommen. Selbst das Podium wies eine Lücke auf: SP-Stadtparlamentarier Pascal Kübli hatte abgesagt. So musste SP-Kantonsrat Donat Ledergerber an der Veranstaltung der Jungfreisinnigen und der Elternlobby den Part der Gegnerschaft solo bewältigen.

«Schulen gar nicht so schlecht»

Die Partie «Zwei gegen einen» wurde zu einer ausgeglichenen Angelegenheit. Was damit zusammenhing, dass die Wortwechsel nicht mit jener Verbissenheit ausgetragen wurden, wie sie andern derartigen Anlässen eigen ist. So liess die Vertretung der Befürworter der freien Schulwahl, der Publizist Beat Kappeler und FDP-Kantonsrätin Eva Nietlispach, durchblicken, dass das jetzige Schulsystem gar nicht so schlecht sei. Umgekehrt war Donat Ledergerber als Vertreter der Nein-Seite das Schlagwort «Chaos-Initiative» aus dem eigenen Lager nicht ganz geheuer.

Flade-Schule als Beispiel

In den Grundzügen folgten die Votanten in der von Sabine Bianchi moderierten Diskussion den bekannten Argumenten. Beide Seiten vertraten die Ansicht, dass ihre jeweiligen Vorstellungen von Oberstufe die Integration von Ausländern besser fördere.

Aufschlussreich waren Diskussionen um Details. Ledergerber, Schulleiter der Oberstufe Kirchberg, bemerkte, dass noch nie Eltern den Wechsel eines Schulkindes aus dem «ärmeren» Gemeindeteil Bazenheid angestrebt hätten. Nietlispach erwähnte die «Flade» als Beispiel, dass Wettbewerb an der Oberstufe sehr wohl funktioniere. Donat Ledergerber wandte ein, dass es sich hier um eine Sekundarschule handle, in der gutes Niveau relativ leicht zu erreichen sei.

Beat Kappeler – aufgewachsen in St. Gallen, wohnhaft in Wohlen bei Bern – wusste, dass in Schweden seit 1994 freie Schulwahl akzeptiert ist. Eva Nietlispach fügte an, dass diese Regelung in Mörschwil und teils in St. Gallen gelte. Wo sie eingeführt werde, sei sie noch nie rückgängig gemacht geworden. Ledergerber stellte Finnland gegenüber, wo die freie Schulwahl nur in Helsinki und Umgebung gelte und sehr umstritten sei. Die freie Schulwahl funktioniere, vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Falle gehe die Initiative zu weit, über die im St. Gallischen jetzt entschieden wird.

«Das Quartier gibt das Profil»

Ledergerber rechnete die Kosten für den Staat bei einem Wechsel eines Kindes an eine Privatschule auf 21 000 Franken pro Jahr hoch. Ausserdem würden mit dem Geld zweifelhafte Privatschulen finanziert. Für Beat Kappeler sollen nicht nur Privatschulen, sondern auch staatliche Oberstufen ein unterschiedliches Profil haben. Womit die Schulkinder die ihnen passende Schule, zum Beispiel mit Schwerpunkt Musik oder Sport, auswählen können. Für Ledergerber bestehen hiefür im Kanton St. Gallen genügend Angebote. Das Profil einer Schule ergebe sich aus dem Charakter des Quartiers oder eines Dorfes.

Wechseln oder durchbeissen

Wenige Zuhörerinnen und Zuhörer kamen zur Podiumsdiskussion vom Mittwoch, aber fast alle hatten eine Meinung. Eine Frau erzählte von ihrem Sohn, der erst dank Sponsoren in einer Privatschule sein schulisches Glück gefunden habe. Eine andere erinnerte an früher, als sich die Kinder, in ihrem Appenzeller Dialekt «Goofen», durchbeissen mussten. Klar wurde: Es geht bei der Abstimmung vom 13. Februar auch um viel Grundsätzliches.

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