Fortschrittlich ist nicht immer bequem

Was ist «fortschrittlich»? Was ist «verhindernd»? Bürgerliche Leserbriefschreiber finden, Rotgrün verlangsame und verhindere, anstatt Probleme zu lösen.

Drucken
Teilen

Was ist «fortschrittlich»? Was ist «verhindernd»? Bürgerliche Leserbriefschreiber finden, Rotgrün verlangsame und verhindere, anstatt Probleme zu lösen. Für mich stellt sich die Frage: Aus wessen Sicht ist denn ein Stadtrat Verhinderer? Aus wessen Sicht ist er fortschrittlich? Für wen gelten diese Begriffe? Ist eine Person nur konstruktiv, wenn sie für ungebremst wirtschaftliches Wachstum steht? Wenn sie Immobilienspekulation, den Ausverkauf unserer architektonischen Kulturgüter oder die Gentrifizierung mit dem salonfähigen Begriff «Verdichtung» weichspült? Oder, wenn diese Person dafür ist, dass Steuerflüchtlinge mit ihrem Off-Roader direkt vor die Ladentüre in der Innenstadt fahren können, um ihre Gipfeli einzukaufen?

Wer für diese Anliegen kämpft, empfindet linke Politik nachvollziehbar als «verhindernd». Doch was ich als «fortschrittlich» betrachte, hat östlich von Winterthur heute keine Stimme. Eine Demokratie lebt aber davon, dass sämtliche Interessen vertreten sind und gemeinsam eine Lösung gefunden wird, wie wir unsere Stadt gemeinsam lebenswert gestalten – auch wieder für die Menschen, statt nur für die Investoren. Es braucht die Stimme für Nischen, kulturelle Zwischenräume, fernab vom Standort-Marketing-Geplapper. Es braucht eine verantwortungsbewusste Verkehrs- und Energiepolitik, die sich vom Egoismus und der Bequemlichkeit verabschiedet. Weil wir uns etwas anderes schlicht nicht mehr leisten können.

Peter Jans ist kein Verhinderer: Mein Stadtrat will beispielsweise, dass für die innere Verdichtung in St. Fiden der Bau von Hochhäusern geprüft wird. Aber er möchte dies nicht kopflos tun, die Stadt soll den Investoren die Richtung angeben, nicht umgekehrt. In partizipativen Verfahren müssen die Anliegen der Bevölkerung, der involvierten Parteien mit einbezogen werden. Auch Peter Jans spricht sich beim Bahnhof Nord für einen Marschhalt aus, für eine ganzheitliche und vor allem offene Planung, die nur Gewinner bringt. Wenn dies den Bürgerlichen zu aufwendig, zu langsam ist, verschreien sie es als «Verhinderung». Damit machen sie es sich aber zu einfach.

Gallus Hufenus

Stadtparlamentarier SP

Linsebühlstr. 77, 9000 St. Gallen