FLEISCHLOS: «Veganer essen nicht nur Tofu»

Am Sonntag kommt die Veganmania nach Gossau. Das grösste vegane Strassenfest der Schweiz ist zum ersten Mal in der Ostschweiz. Projektleiter Wendelin Matawa-Keller will, dass die vegane Szene auch hier wächst.

Perrine Woodtli
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Perrine Woodtli

perrine.woodtli

@tagblatt.ch

Wendelin Matawa-Keller, wieso findet die sechste Veganmania genau in Gossau statt? Die Stadt ist nicht gerade als Veganer-Hochburg bekannt.

Genau das macht sie für den Veranstalter Swissveg interessant. Bis jetzt fand die Veganmania vier Mal in Winterthur und einmal in Aarau statt. Dort hat sich die vegane Lebenseinstellung auch dadurch etabliert. In der Ostschweiz ist die Szene dagegen noch sehr bescheiden vertreten. Zudem komme ich selbst aus Gossau. Als Veganer kann man entweder in die Zentren flüchten oder sich dafür einsetzen, dass es lokal mehr Angebote gibt. Das Zweite ist mir sympathischer.

Was erhoffen Sie sich von dem Anlass?

Wir wollen den Leuten zeigen, dass Veganer ganz normale Leute sind und deren Ernährung nicht bloss aus Tofu besteht. Die Besucher können an rund 60 Ständen mehr zum veganen Lebensstil erfahren. Wir hoffen, dass so vielleicht das vegane Angebot hier erweitert wird. Nebst zahlreichen Essenständen gibt es auch Verkaufsstände mit einem umfassenden Informationsangebot. Gerade diese sind sehr wichtig und wertvoll.

Weshalb?

Die vegane Lebensweise gibt es schon lange. In der Schweiz ist sie jedoch erst seit ein paar Jahren in der breiten Masse aufgekommen. Viele wissen noch zu wenig darüber. Das wollen wir ändern. Swissveg sieht sich als Infostelle, die aufklären will. Es kommt immer häufiger vor, dass Eltern Fragen zum Thema haben, weil ihr Kind vegan leben möchte.

Rechnen Sie mit einem grossen Andrang am Sonntag?

Das ist schwer abzuschätzen. 2016 besuchten rund 15000 Leute die Veganmania. So viele wie noch nie. Weil das Thema in der Ostschweiz noch nicht so verbreitet ist wie in anderen Landesteilen, rechnen wir bei schönem Wetter mit rund 8000 Besuchern aus der ganzen Ostschweiz und der näheren Umgebung. Damit wären wir sehr zufrieden.

Seit wann leben Sie vegan?

Strikt vegan lebe ich seit drei Jahren. Davor war ich viele Jahre lang nahezu Veganer – ab und zu habe ich noch Milchschokolade gegessen. Vegetarier bin ich seit meinem zehnten Lebensjahr.

Viele Leute schreckt es ab, dass sie bei einer Umstellung auf vegane Ernährung auf zu viele Sachen achten müssen.

Grundsätzlich ist wohl jede Veränderung für den Menschen schwierig, egal um was es sich handelt. Klar, man muss sich mit dem Thema auseinandersetzen und gerade am Anfang viele Sachen ausprobieren. In den vergangenen Jahren ist für Veganer aber vieles einfacher geworden.

Inwiefern einfacher?

Vor zehn Jahren musste man vegane Produkte noch regelrecht suchen. Heute bieten viele Grossverteiler verschiedenste Produkte an und kennzeichnen diese mit dem V-Label. Zudem gibt es heute mehr Informationen beispielsweise in Form von Büchern zum Veganismus. Das ist wohl ein Grund, warum sich mehr junge Leute vegan ernähren. Die ältere Generation hatte diese Informationen schlicht nicht. Ich kenne aber auch einen 75-jährigen Veganer. Da es heute mehr Veganer als vor zehn Jahren gibt, können sich diese auch mehr untereinander austauschen. Das hilft vielen.

Wie viele Veganer gibt es denn derzeit in der Schweiz? Eine Umfrage von Demoscope im Auftrag von Swissveg hat kürzlich gezeigt, dass 3 Prozent der Bevölkerung vegan leben. 11 Prozent sind Vegetarier und 17 Prozent Flexitarier. Diese Leute essen nicht ausschliesslich vegan oder vegetarisch, aber auch nur selten Fleisch.

Veganer werden öfters wegen ihrer Lebensweise belächelt. Was sagen Sie dazu?

Ich sehe dem gelassen entgegen. Es ist für gewisse Leute halt immer noch ungewöhnlich. Ich kenne Leute, die vor 20 Jahren noch angefeindet wurden, weil sie Vegetarier sind. Das ist aber definitiv nicht mehr so. Es hat sich klar etwas getan. Die Veganer werden heute behandelt wie die Vegetarier vor 20 Jahren. Und die vegetarische Ernährung ist heute nichts Spezielles mehr. Der Veganismus braucht ebenfalls einfach noch etwas Zeit.

Was sagen Sie zu Leuten, die vegan leben, weil es derzeit einfach trendig ist?

Grundsätzlich sehe ich das positiv. Ein Problem ist aber, dass sich viele nicht genug mit dem Thema befassen. Die Konsequenz ist, dass sich diese Leute falsch ernähren. Jugendliche informieren sich oft nur im Internet. Zudem glaube ich, dass jemand, der nur vegan lebt, weil es gerade «en vogue» ist, nicht wirklich überzeugt von der Sache ist. Und ohne Überzeugung oder Freude würde ich es wahrscheinlich nicht durchziehen.

Und was überzeugt Sie am veganen Lebensstil?

Unter anderem der gesundheitliche Aspekt. Ein wichtiger Punkt ist aber auch der ökologische Faktor und die oftmals miserable Tierhaltung. Man beachte den Klimawandel. Es ist Fakt, dass die Fleischproduktion und Tierhaltung für einen Grossteil des CO2-Ausstosses verantwortlich ist.

Laut Kritikern ist die rein pflanzliche Ernährung nicht gesund. Wie sehen Sie das?

Ich bin Ernährungsberater und habe mich intensiv damit befasst. Man kann sich absolut gesund ernähren als Veganer. Es gibt ja auch vegan lebende Spitzensportler. Natürlich muss man auf gewisse Sache achten und wissen, wo man was herbekommt und was der Körper braucht. Wichtig ist die Ausgeglichenheit. Einseitige Ernährung ist aber nicht nur bei Veganern ein Problem.

Sie fühlen sich also gesund.

Und wie. Ich bin gestern 36 Jahre alt geworden und fühle mich gesund und fit. Ich dachte immer, dass mit dem Älterwerden eher das Gegenteil der Fall sein wird. Ich fühle mich aber deutlich besser als noch vor zehn Jahren.

Veganmania in Gossau

Strassenfest mit Rahmenprogramm, 10 bis 20 Uhr, Markthalle/Bundwiese. www.veganmania.ch