Festtage mit Tränen

Weihnachten ist für viele Bewohner in Pflegeheimen keine leichte Zeit. Vor allem für diejenigen, die das Fest erstmals nicht mehr mit der Familie feiern. Margrith Schmucki und Fritz Stauffer machten kürzlich im «Wiborada» diese Erfahrung.

Sebastian Schneider
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Weihnachten in der Cafeteria des «Wiborada»: Margrith Schmucki und Fritz Stauffer zusammen mit Pflegerin Claudia Österle. (Bild: Ralph Ribi)

Weihnachten in der Cafeteria des «Wiborada»: Margrith Schmucki und Fritz Stauffer zusammen mit Pflegerin Claudia Österle. (Bild: Ralph Ribi)

BERNHARDZELL. «Weihnachten greift einem ganz schön an», sagt Margrith Schmucki. Zum ersten Mal hat die 90-Jährige Weihnachten nicht mehr zu Hause feiern können. Ihr Mann erlitt im März einen Schlaganfall, seine linke Körperhälfte ist seither gelähmt. Nach einigen Wochen Therapie in Rehakliniken sind Schmuckis ins Wohn- und Pflegezentrum Wiborada in Bernhardzell eingezogen. Auch Fritz Stauffer und Claudia Österle haben dieses Jahr Weihnachten zum ersten Mal im «Wiborada» verbracht. Fritz Stauffer erlitt ebenfalls einen Schlaganfall und versucht, seine linke gelähmte Körperseite wieder zu aktivieren. Claudia Österle ist Pflegerin und hat über die Festtage gearbeitet. Alle drei haben emotionale Tage hinter sich, wie sie erzählen.

Im Heim wieder laufen lernen

Claudia Schmucki und Fritz Stauffer kämpfen beide mit den Tränen, sobald sie von früheren Zeiten sprechen. Beide haben jeweils zu Hause im engen Kreis Weihnachten gefeiert.

Bei Fritz Stauffer hat das Jahr 2015 eine unglückliche Wendung genommen, als er im August den Hirnschlag erlitt. «Ich bin erst 72 Jahre alt», sagt er. In diesem Alter gehöre man eigentlich noch nicht in ein Pflegeheim. Doch nun sei er hier und müsse wieder laufen und seine linke Hand bewegen lernen. Seine Lebenspartnerin wohnt weiterhin zu Hause in Engelburg. Er wolle zurück zu seiner «wunderbaren» Frau, doch dafür brauche er sehr viel Geduld. «Ich mag dieses Wort Geduld nicht mehr hören», sagt er. In seinem Zimmer ist ein Engel aufgestellt. Daneben stehen eine Kerze und ein Weihnachtskärtchen. Trotz bitterer Lage habe er hier im Altersheim ein schönes Weihnachtsfest feiern können.

Kinderchor auf Besuch

Vor dem 24. Dezember konnten die Bewohner Schmuck basteln für den Christbaum in der Cafeteria. «Gemeinsam haben wir ihn dann geschmückt», erklärt Stauffer. An Heiligabend schliesslich habe man zusammen gesungen, und ein Kinderchor sei vorbeigekommen. Zudem habe es am 20. Dezember ein grosses Festmahl mit Angehörigen gegeben.

«Gerade in diesen emotionalen Tagen ist es wichtig, für die Bewohner da zu sein», sagt Claudia Österle. Seit sie Pflegerin ist, habe sie an Weihnachten gearbeitet. «Ich lasse denjenigen, die Kinder haben, an diesen Tagen den Vortritt und nehme erst vor Silvester frei», sagt die 26-Jährige. Ihr Freund arbeite an Weihnachten ebenfalls. Das Fest mit Familienbesuch holten sie jeweils am 29. Dezember nach. «Das Wichtigste an Weihnachten ist, dass man zusammen feiern kann.» Der Zeitpunkt spiele eine untergeordnete Rolle.

«Frau Österle ist eine sehr gute Pflegerin», sagt Margrith Schmucki. «Sie hat immer einen guten Spruch auf Lager.» Es tue den Bewohnern einfach gut, wenn jemand humorvoll sei. Margrith Schmucki selber hat früher in der Familie schöne Weihnachtsfeste erlebt. Sie seien jeweils vom Weiler Oberdorf hinab zur Kirche St. Blasius in Waldkirch gelaufen oder gerutscht. Es gehörte auch dazu, in der Adventszeit jeden Morgen den Rorategottesdienst zu besuchen. An Heiligabend habe man viel gesungen und nach dem Mitternachtsgottesdienst nochmals miteinander angestossen.

«Fernseh schlafen» an Silvester

Nach Weihnachten ist auch vor Silvester. Der Jahreswechsel spiele aber nicht eine so grosse Rolle wie Weihnachten, sind sich die beiden Heimbewohner einig. Fritz Stauffer wird am Abend wohl «Fernseh schlafen», wie er sagt. Und Margrith Schmucki lässt es auf sich zukommen. «Mein Mann und ich haben jeweils dem Aus- und Einläuten zugehört.» Vielleicht werden sie das wieder tun. Die Kirche gleich neben dem Heim sei ja auch kaum zu überhören.

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