Fernweh stärker als die Union

Die Café-Bar Union ist seit kurzem geschlossen. Nach einer Umbauphase wird der Vögeli Beck einziehen. Inhaber Jörg Hauser und Geschäftsführerin Erika Gianoli hören aus freien Stücken auf. Er wandert nach Südamerika aus.

Fredi Kurth
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Ein letztes Prosit nach 13 Jahren: Jörg Hauser und Erika Gianoli in der bereits hochgestuhlten Café-Bar Union. (Bild: Urs Jaudas)

Ein letztes Prosit nach 13 Jahren: Jörg Hauser und Erika Gianoli in der bereits hochgestuhlten Café-Bar Union. (Bild: Urs Jaudas)

Wer sich am vergangenen Freitag noch ahnungslos vor der Café-Bar Union bei einem Espresso sonnte, stellte am Montag erstaunt fest: «Aha, für die <Union> ist der Sommer vorbei. Stühle schon nach innen gezügelt.» Danach traute dieser Gast seinen Augen nicht: Das Lokal war leer, geschlossen, alles hochgestuhlt. An den Eingängen war zu lesen, dass der Vögeli Beck einziehen werde.

Die Familie ist das Ziel

Für Café-Besitzer Jörg Hauser kommt der Abschied weniger unvorbereitet. Sein lange gehegter Traum, nach Brasilien auszuwandern, wird nun Wirklichkeit. Zusammen mit seiner brasilianischen Frau Flavia und Tochter Maria Luisa zieht er in den Bundesstaat Espirito Santo, gelegen im Südosten des Landes an der Atlantikküste. Dort will er etwas Neues anfangen, etwas anderes tun, als Kaffee zu servieren und Wein einzuschenken. Was genau, weiss er nicht.

Ein Ziel hat er: Sich auch um die zweite Tochter Anna Sophia zu kümmern, deren Geburt auf Ende Jahr angekündigt ist. Andere Gründe als das Fernweh gebe es nicht, versichert Jörg Hauser. Ebenso wenig treffe zu, dass seine Frau Sehnsucht nach der Heimat gehabt hätte. Im Gegenteil sie ertrug das rauhe St. Galler Klima besser als er.

Café-Bar, eine Idee fasst Fuss

Mit dem Wegzug endet eine lange berufliche Beziehung. Jörg Hauser eröffnete 1997 zusammen mit Geschäftsführerin Erika Gianoli die Café-Bar Union. «Sie hat sogar mehr getan als ich», sagt Hauser. Beide stiegen quer ein. Sie, gebürtige Glarnerin, war gelernte Damenschneiderin. Er hatte ein Handelsdiplom erworben und ein Bankpraktikum absolviert, ehe er die Wirtefachschule besuchte. Zudem bildete er sich in Gemmologie, der Edelsteinkunde, aus. Mit Aufenthalten in San Francisco und Idar-Oberstein, Rheinland-Pfalz.

Als Erika Gianoli und Jörg Hauser die «Union» eröffneten, waren sie ein Paar.

Café-Bar – das war eine in der Gallusstadt noch unbekannte Kombination, die rasch Anklang fand. Gäste, welche die Anfangszeiten erlebt haben, nehmen heute sogar das Wort «Kult» in den Mund. «Wir hatten von sieben Uhr morgens bis nachts um zwei Uhr offen», sagt Erika Gianoli. Frühaufsteher und Nachtschwärmer gaben sich irgendwann am Abend die Türstange in die Hand.

Zuerst Liebe, dann Geschäft

Das Arbeitspensum mit den langen Präsenzzeiten teilten sich Hauser und Gianoli am Anfang auf. Beide servierten während je dreier Tage. Vor acht Jahren ging die Liebesbeziehung auseinander, nicht jedoch die Geschäftsbeziehung. «Eine Zeitlang war es schwierig», sagt Erika Gianoli. Aber die Wunden der Trennung verheilten, und die beiden eröffneten gleich nebenan auch noch die Café-Bar Süd.

Sie wird weiterbestehen. Der St. Galler Martino Bodmer übernimmt sie, während Inhaber Jörg Hauser und Erika Gianoli im Verwaltungsrat bleiben. «Das tönt ja wie bei einem Grosskonzern», sagt Hauser, lacht verlegen und spült den Gedanken mit einem Schluck Mineralwasser hinunter.

Sonst zieht er Kaffee vor. 15 Espressi am Tag sind es schon. «Wir haben in der Schweiz dank den Sortenmischungen den besten Kaffee der Welt», sagt er. Der sortenreine Kaffee in Brasilien schmecke lange nicht so gut.

Zurück für Ferienablösung

Die Kaffeebohne verbindet. Anwälte, Arbeiter, Mütter, Junggesellen: Die beliebige Auswahl der «Union»-Stammkundschaft könnte ebenso beliebig verlängert werden. Doch am vergangenen Samstag war Schluss. Die letzte Konsumation nach einem Abschied mit geladenen Gästen gehörte Erika Gianoli – ein Prosecco, – während Jörg Hauser mit einer Stange Bier adieu sagte. Das Fernweh war stärker als die Café-Union der beiden.

«Hier wegzugehen nach so langer Zeit, ist ein eigenartiges Gefühl», sagt Erika Gianoli. Er hingegen zählt die Tage bis zum 6. Oktober, wenn das Flugzeug Richtung Rio de Janeiro abhebt. «Trotz der Freude auf ein neues Leben bleibt aber auch bei mir Wehmut zurück», sagt Hauser. Doch im November wird er zwecks «Union»-Umbau in die Schweiz zurückkehren. Und später für Ferienablösungen im Café Süd jeweils ungefähr fünf Wochen im Jahr. «Möglicherweise werden es zwölf oder dreizehn sein», sagt Jörg Hauser.

Vielleicht auch wegen der Schweizer Mischung.