Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Fernwärme ist mehr als nur heisse Luft

Redaktionelle Stellungnahme zur Abstimmung über den Ausbau des Fernwärmenetzes
David Gadze

Ablösung der fossilen Energien durch erneuerbare, Reduktion des CO2-Ausstosses, Steigerung der Energieeffizienz: Das sind die wichtigsten Ziele, die sich die Stadt St. Gallen beim Umbau ihrer Energieversorgung auf die Fahnen geschrieben hat. Im Energiekonzept 2050 hat sie unzählige Massnahmen definiert, mit denen sie diese Ziele erreichen will. Einer der wichtigen Schritte dazu ist die Fernwärme. Schon seit langem werden Teile der Stadt damit versorgt. Vor sieben Jahren stimmte die Bevölkerung im Zusammenhang mit dem Bau eines Geothermie-Kraftwerks (das letztlich nicht realisiert werden konnte) einem Ausbau deutlich zu. Nun steht eine weitere Erweiterung des Fernwärmenetzes in die östlichen Quartiere der Stadt an. Bei der Abstimmung vom 26. November geht es also nicht bloss um eine finanzpolitische Vorlage, sondern in erster Linie um eine energiepolitische. Und um weit mehr als nur um heisse Luft.

Das System der Fernwärme ist relativ simpel: Statt die Abwärme, die beim Verbrennen des Abfalls im Kehrichtheizkraftwerk entsteht, in die Luft abzulassen, wird sie über Leitungen – das städtische Fernwärmenetz – ins Siedlungsgebiet geführt und dort für die Warmwasseraufbereitung und das Heizen der Wohnungen oder Bürogebäude gebraucht. ­Dadurch werden in der Stadt jährlich 7,5 Millionen Liter Heizöl eingespart. Das entspricht einer Kolonne von 473 Tanklastwagen. Mit dem Ausbau des Fernwärmenetzes im Osten der Stadt könnte diese Menge bis ins Jahr 2022 verdoppelt werden. Denn das Potenzial ist nach wie vor gross: Von den rund 3600 Mehrfamilienhäusern in der Talsohle sind derzeit etwas mehr als 600 ans Netz angeschlossen.

Ein Teil der Stadt muss jedoch auch künftig auf die Fernwärme verzichten. Die Behörden legen klar dar, warum ein flächendeckender Ausbau nicht möglich ist beziehungsweise warum gewisse Quartiere mit Fernwärme versorgt werden und andere nicht. Zum einen produziert das Kehrichtheizkraftwerk nicht genügend Abwärme für alle Liegenschaften auf Stadtgebiet. Zum anderen wäre es nicht wirtschaftlich, jene Gebiete zu erschliessen, die weniger dicht besiedelt sind, also beispielsweise Rotmonten oder St. Georgen. Vielmehr soll die Fernwärme dort zur Verfügung gestellt werden, wo es viele Mehrfamilienhäuser oder grosse Gebäudekomplexe mit hohem Wärmebedarf gibt. Um die zur Verfügung stehende Fernwärme möglichst effizient zu nutzen, wird das Netz deshalb grösstenteils im Tal ausgebaut.

Ganz ohne fossile Energien funktioniert die Fernwärme jedoch nicht. Um eine ganz­jährig sichere Versorgung zu garantieren beziehungsweise um den Spitzenbedarf während der Wintermonate zu decken, braucht es Fernwärmezentralen. In diesen wird mit Heizöl oder Gas zusätzliche Wärme zugeführt. Das ist allerdings immer noch effizienter, als wenn jeder Hausbesitzer weiterhin selber eine fossile Heizung betreibt. Auch für den Ausbau des Fernwärmenetzes nach Osten bräuchte es eine neue Fernwärmezentrale. Sie würde in der Lukasmühle errichtet.

Die quasi vor der Haustüre produzierte Fernwärme trägt ausserdem zur energetischen Selbstständigkeit der Stadt bei. In Zeiten globaler Abhängigkeiten können sich politische Spannungen in tausenden Kilometern Entfernung jederzeit auch auf die Schweiz (und den Rest Europas) auswirken. Das zeigte sich etwa beim Ukraine-Konflikt, als Russland seine Gaslieferungen stoppte. Die Stadt kann so diese Abhängigkeit reduzieren und erst noch die lokale Wertschöpfung steigern. Und Abfall wird es auch in 50 Jahren noch geben. Lokal verbrannt wird er vermutlich auch dann noch.

Der Ausbau der Fernwärme ist eine Investition in die Zukunft. Natürlich sind 65,5 Millionen Franken viel Geld. Bei einem Ja würden die Kosten jedoch nicht über Steuermittel gedeckt. Der Kredit ginge zu Lasten der Investitionsrechnung der St. Galler Stadtwerke. Das Geld würde an diese zurückfliessen: Die Refinanzierung erfolgt durch den Verkauf der Fernwärme an die Bezüger. Es bezahlen also nur jene, die die Fern­wärme auch effektiv nutzen.

Bei einem Nein zur Erweiterung des Fernwärmenetzes würde die Stadt beim Umbau ihrer Energieversorgung auf halbem Weg stehenbleiben. Zum einen würde ein Teil der Abwärme des Kehrichtheizkraftwerks ungenutzt verpuffen. Zum anderen würde ein grosser Teil der Stadt weiterhin grösstenteils mit fossilen Energien beheizt. Das macht keinen Sinn.

Letztlich ist es auch eine gesellschaftliche Verantwortung, erneuerbare Energien wenn möglich zu fördern, erst recht unter diesen Voraussetzungen. Mit einem Ja ist das grosse Gebäude im Sittertobel künftig noch mehr ein Kehrichtheizkraftwerk und noch weniger eine Kehrichtverbrennungs­anlage.

David Gadze

david.gadze@tagblatt.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.