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Feinfühliger als der Durchschnitt

ALTSTÄTTEN. Sie sind schnell überreizt, spüren Konflikte schon bevor sie ausbrechen, sind einfühlsam oder nehmen Gerüche und Geräusche besonders empfindlich wahr: 15 bis 20 Prozent der Menschen sind hochsensibel. Das ist Last und Gabe zugleich.
Christa Kamm-Sager
Brigitte Schorr (Bild: pd)

Brigitte Schorr (Bild: pd)

Vier Stunden sass sie im Zug. Von Altstätten nach Zürich und zurück. Der Gesprächstermin in Zürich, die Menschenmenge auf dem Bahnhof, die Dialoge in den Zugsabteilen, Piepstöne, Gerüche. Am Abend kehrt Brigitte Schorr nach Hause zurück und ist gereizt – überreizt. «Nach so einem Tag habe ich null Toleranz», sagt sie. Das ist heute, wo sie um ihre Hochsensibilität weiss, nicht mehr so ein grosses Problem. Sie hat Strategien entwickelt, wie sie mit ihrer Unausgeglichenheit zurechtkommt. Noch vor ein paar Jahren war das ganz anders.

Dem Partner viel zugemutet
«Ich war meinen Stimmungen hilflos ausgeliefert, konnte viele meiner Handlungen nicht steuern», sagt die 46jährige Brigitte Schorr, Mutter von zwei Teenagern, Leiterin des Instituts für Hochsensibilität und Autorin. Nur schon der schrille Wecker am Morgen war für sie ein Angstmoment. «Ich lag oft schon zwei Stunden vor dem Wecker wach, damit ich beim Läuten nicht so einen grossen Schock hatte.» Auch wenn sie an ihre Beziehungen denke, weiss sie heute, dass ihre Partner relativ viel hätten aushalten müssen mit ihr und ihrer Unausgeglichenheit. «Ich habe ihnen viel zugemutet.» Ehrlich weist sie auch auf die eigenen schwierigen Zeiten in ihrem Leben hin. «Es braucht Beispiele von Hochsensiblen, die es geschafft haben, ihre Veranlagung nutzbringend ihr Leben zu integrieren.»

Vor vier Jahren sei sie erstmals über den Begriff Hochsensibilität gestolpert. Das Buch «Zart besaitet» von Georg Parlow beantwortete ihr viele Fragen. «Es war für mich wie eine Initialzündung, endlich einen Begriff für mein Anderssein zu haben. Es war zu 100 Prozent auf mich zugeschnitten, was ich im Buch erfahren hatte.» Brigitte Schorr las alles zum Thema, das in Deutschland schon weiter erforscht ist. In der Schweiz, wo sie seit 1995 zu Hause ist, gab es praktisch noch keine Anlaufstellen für Hochsensible. Sie, die bislang beruflich immer auf der Suche war, im Angestelltenverhältnis auch aneckte, fand jetzt in der Aufarbeitung des Themas Hochsensibilität eine neue berufliche Bestimmung, der sie sich mit vollem Elan widmete. Sie spezialisierte sich auf Beratungen und Angebote für hochsensible Menschen und ist damit zu einer der wenigen Anlaufstellen zu diesem Thema in der Schweiz geworden.

«Schmale Komfortzone»
«Es ist nicht einfach zu erkennen, wo normale Sensibilität aufhört und Hochsensibilität beginnt», schreibt Brigitte Schorr in ihrem Ratgeberbuch «Hochsensibilität – Empfindsamkeit leben und verstehen», das sie im Jahr 2011 für den Verlag SCM Hänssler verfasste. Sie unterteilt Hochsensibilität in vier Typologien: Die empathische, die kognitive, die sensorische und die spirituelle Hochsensibilität. Ein weiteres Merkmal neben der Überreizbarkeit, das überdurchschnittlich feinfühlige Menschen auszeichne, sei die «schmale Komfortzone»: Es brauche manchmal ganz wenig, wie vielleicht ein Geräusch, bis sich ein hochsensibler Mensch in einer Situation nicht mehr wohlfühle. Ebenso könne ein Erlebnis bei so einem Menschen sehr lange nachhallen.

Hochsensibilität ist im englischen Sprachraum geprägt durch den Begriff «Highly Sensitive Person». Im Internet gibt es zwar tausende Seiten zu diesem Stichwort, aber wissenschaftliche Studien existieren nicht. Die Hirnforschung zum Thema steckt noch in den Kinderschuhen. Eine Aufarbeitung der Hochsensibilität wurde von der amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron im Jahr 1997 erstmals angegangen. Aber auch verschiedene andere Psychologen, wie etwa Alfred Adler, C.G. Jung, Paracelsus oder I.P. Pawlow beschäftigten sich mit der Erscheinung der erhöhten Sensitivität innerhalb der menschlichen Spezies, ohne jedoch jemals eine fundierte theoretische Basis zu schaffen. Forschungen besagen, dass etwa 15 bis 20 Prozent aller Menschen sensibler wahrnehmen als der Durchschnitt.

Brigitte Schorr (Bild: pd)

Brigitte Schorr (Bild: pd)

Thema fängtan Fuss zu fassen
Brigitte Schorr gründete schliesslich vor zwei Jahren im st.gallischen Altstätten das Institut für Hochsensibilität IFHS und bietet Beratungen und Seminare für Betroffene und Fachpersonen in der ganzen Deutschschweiz an. Die Nachfrage ist gross. Ihr Wissen zu diesem Thema ist mittlerweile so umfangreich, dass sie auch Vorträge hält über Hochsensibilität, unter anderem vor dem Zürcher Lehrerverband, ein weiterer folgt im kommenden Januar beim Lehrerverband St.Gallen. «Das Thema fängt an Fuss zu fassen in der Schweiz.» Sie merke das auch daran, dass im Moment mehrere Master- oder Diplomarbeiten von Studierenden verfasst würden, die sie teilweise mitbetreue.

Bleiben unter Leistungsgrenze
Gerade für Erziehende dürfte das Thema der überdurchschnittlichen Sensibilität von Interesse sein: «Jeder Lehrer, der ein ADHS-Kind in der Schule hat, weiss, dass es auch noch etwas anderes geben muss», so Schorr. Sensible Kinder nähmen sehr vieles wahr, seien schnell müde oder blieben oft aufgrund ihrer Überstimulation unter ihrer Leistungsgrenze. Diese Kinder legten besonderen Wert auf eine gute Beziehung zum Lehrer, seien oft nur so imstande, die nötige Leistung zu bringen.

Wichtig ist Brigitte Schorr festzuhalten, dass Hochsensibilität nicht nur eine Last, sondern auch eine Gabe ist: «Meist haben feinfühlige Menschen hohe ethische Ansprüche und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie können in der Welt etwas bewegen.» Und wer um seine besondere Ausprägung wisse, könne auch besser damit umgehen. So habe sie heute zum Beispiel keinen Wecker mehr, der schrill läutet, sondern einen, der sanft einen Sonnenaufgang simuliert.

Kurs, Gesprächsgruppen, Partnervermittlung

Das Institut für Hochsensibilität bietet erstmalig einen Lehrgang für Fachleute an, die beruflich mit hochsensiblen Menschen zu tun haben. Der Lehrgang umfasst drei Module à zwei Tage in einem Zeitraum von drei Monaten. Der Lehrgang schliesst mit einem Zertifikat ab, welches die Teilnehmenden als Begleiter oder Begleiterin für hochsensible Menschen ausweist. Zukünftig soll der Lehrgang einmal jährlich angeboten werden. Der Herbst-Lehrgang ist ausgebucht. www.ifhs.ch


In der Region Ostschweiz gibt es verschiedene Gesprächsgruppen für hochsensible Personen. Die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen in der Schweiz gibt Auskunft über möglichen Erfahrungsaustausch in der Region. www.selbsthilfe-gruppen.ch


In der Region Ostschweiz gibt es verschiedene Gesprächsgruppen für hochsensible Personen. Die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen in der Schweiz gibt Auskunft über möglichen Erfahrungsaustausch in der Region. www.selbsthilfe-gruppen.ch


Die deutsche Partneragentur Gleichklang bietet eine besondere Vermittlung für Mitglieder an, die sich als hochsensibel bezeichnen. Die Dating-Plattform hat in einer Studie herausgefunden, dass hochsensible Singles sich von anderen Singles unterscheiden und bei der Partnersuche spezielle Bedürfnisse haben. www.gleichklang.de.


Weitere informative Seiten: www.zartbesaitet.net und www.hochsensibilitaet.ch (chs)

Merkmale von Hochsensiblen

  • – Starke Emotionen
  • – Intensiveres Wahrnehmen von Geräuschen, optischen Eindrücken, Sinneseindrücken
  • – Das Gefühl, anders, fremd zu sein
  • – Feinsinniges Gespür für die subtilsten Spannungen und Schwierigkeiten in der Entstehungsphase
  • – Breitgefächerte Neugier und Interessensgebiete
  • – Schnelle Reaktion darauf, wenn jemand Grenzen überschreitet
  • – Vielfältige Talente, die Leidenschaft zu Worten, Texten, Bildern, Musik und Stimmungen
  • – Bildhafte Sprachgewohnheiten
  • – Reicher, wacher, lebendiger Geist
  • – Tiefe Selbstreflexion

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