Feindbild aus Fernost

Ein Sumo-Kurs im Schulunterricht hatte einen Vorstoss von Markus Knaus (EVP) zur Folge. Die Kritik des Parlamentariers löst beim Schul- und beim Kursleiter ziemliches Befremden aus.

Kathrin Reimann
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Lehrer Oliver Paganini (rechts) führte mit Erst- und Zweitklässlern der Primarschule Feldli-Schoren einen Sumo-Kurs durch. Was Fragen auslöste. (Bild: Urs Bucher)

Lehrer Oliver Paganini (rechts) führte mit Erst- und Zweitklässlern der Primarschule Feldli-Schoren einen Sumo-Kurs durch. Was Fragen auslöste. (Bild: Urs Bucher)

«Lächerlich!» Das ist das erste Wort, das Bruno Broder zur Anfrage «Sumo-Ringen im Unterricht» einfällt. An der Primarschule Feldli-Schoren war bis vor den Sommerferien mit Erst- und Zweitklässlern ein Kurs in Sumo-Ringen durchgeführt worden. Dies, weil für viele Schüler Fairness, Ruhe und Konzentration Fremdbegriffe waren. Auch der Umgang mit Niederlagen sollte gemäss Bruno Broder mit dem Kurs verbessert werden.

Christliche Werte gefährdet?

Kurse mit fernöstlichen Themen im Blockunterricht an den Stadtsanktgaller Schulen sind aber EVP-Stadtparlamentarier Markus Knaus ein Dorn im Auge. Für ihn ist klar: Die christliche Religion wird gegenüber andern benachteiligt. Aus diesem Grund hatte er Anfang Juni im Parlament eine Einfache Anfrage eingereicht. Darin fragte unter anderem, ob der im Volksschulgesetz verankerte Erziehungs- und Bildungsauftrag gewährleistet sei, ob Sumo-Ringen nicht dem Missionieren gleichkomme und ob an der Volksschule jede Religion ausser die christlichen praktiziert werden dürfe.

Der Stadtrat erklärt in seinen Antworten Herkunft, Ablauf und Funktion des Sumo-Kampfes, der auf alte Shinto-Ernterituale zurückgeht. Er betont zudem die positiven Effekte bezüglich Fairness, Respekt und Regelbefolgung durch den Kursbesuch.

Auch die von Knaus geäusserte Kritik am Kampfkunst-Unterricht im Halden-Schulhaus ist für den Stadtrat haltlos: Die dort praktizierte Methode Skema sei sowohl politisch als auch konfessionell neutral. Zudem habe der Unterricht etwa bezüglich Selbstvertrauen bei Schülerinnen und Schülern positive Veränderungen bewirkt. Das zeige auch eine Elternbefragung. Zudem fänden 12 von 13 Eltern das Projekt gut und befürworteten eine Weiterführung. Positive Veränderungen seien auch nach Kursen in Kung-Fu bei Klassen im Schulhaus Grossacker feststellbar gewesen.

Keine Verletzung der Neutralität

Auf die Frage von Knaus nach der Verpflichtung der Schulen zu religiöser Neutralität schreibt der Stadtrat, dass die Volksschule angesichts multikultureller Herausforderungen in einem besonderen Masse zur religiösen Toleranz aufgerufen sei und Angebote nicht systematisch auf Glaubensrichtungen ausrichten dürfe. So soll der Unterricht zwar durchaus auf eine christliche Grundlage gestellt werden, nicht aber auf weitergehende, konfessionell geprägte Ausrichtungen. Eine Verletzung religiöser Neutralität wäre nach Meinung des Stadtrates im konkreten Einzelfall etwa dann anzunehmen, wenn ein Lehrer im Unterricht in provozierender Weise Sympathie für eine bestimmte Religion ausdrücken würde. Die in der Einfachen Anfrage erwähnten Unterrichtsprogramme zeugten aber nicht von fehlender Toleranz gegenüber christlichen Prinzipien oder spezifischer Bekenntnisorientierung.

Ein Angriff aus der Politik

Für Schulleiter Bruno Broder vom Feldli sind die ganze Angelegenheit und die Kritik am Sumo-Unterricht befremdlich. «Wenn wir Weihnachtslieder singen oder das Zimmer dekorieren, fragt auch niemand nach.» Er sei von der Einfachen Anfrage des Stadtparlamentariers enttäuscht. «Wir wollen die Sozialkompetenz unserer Schüler fördern und werden dafür aus der Politik angegriffen.»

Ausserdem sei das Thema «Schnee von gestern», da der Kurs vor den Sommerferien abgeschlossen worden sei. «Im Moment wird er nicht weitergeführt, wir schliessen aber eine Wiederholung nicht aus», sagt Broder. Weil die Schülerinnen und Schüler daran den Plausch gehabt hätten und voll darauf eingestiegen seien. «Ich verstehe die Kritik nicht. Ich finde auch fragwürdig, was die Einfache Anfrage zum Zeitpunkt, zu dem sie eingereicht wurde, eigentlich sollte. Für mich ist sie völlig unnötig.» Anstelle des Aufwandes, der ihm durch den parlamentarischen Vorstoss entstanden sei, hätte er lieber etwas mit seinen Schülern unternommen.

Kontaktaufnahme blieb aus

Auch für den Leiter der Sumo-Kurse, Oliver Paganini, ist die von Markus Knaus geäusserte Kritik nur schwer zu verstehen. «Natürlich ist Sumo-Ringen mehr als Sport, ich will damit schliesslich Werte vermitteln.» Auch sei es richtig, dass Sumo ein Shinto-Ritual sei, nur habe er im Unterricht nie explizit auf diese Religion Bezug genommen. «Ich hätte mir gewünscht, dass Herr Knaus vor seiner Einfachen Anfrage mit mir Kontakt aufgenommen oder zumindest einen unserer Sumo-Kurse besucht hätte.»

Bruno Broder Schulleiter Primarschule Feldli-Schoren (Bild: pd)

Bruno Broder Schulleiter Primarschule Feldli-Schoren (Bild: pd)

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