Feiern, flirten – und grapschen

Ein unangebrachtes Wort, eine ungewollte Berührung: Immer mehr Opfer von sexueller Belästigung suchen sich Hilfe bei Beratungsstellen oder erstatten gar Anzeige bei der Polizei. Betroffen von Übergriffen sind vor allem jüngere Frauen.

Malolo Kessler
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Kein Kavaliersdelikt: Frauen können sich auch juristisch gegen Grapscher wehren. (Bild: Michel Canonica)

Kein Kavaliersdelikt: Frauen können sich auch juristisch gegen Grapscher wehren. (Bild: Michel Canonica)

Ein Jugendlicher, der einer Gleichaltrigen an einer Bushaltestelle «Hure» hinterherruft. Ein junger Mann, der einer jungen Frau an einem Konzert an den Hintern fasst. Ein älterer Mann, der einer Frau in einer Unterführung sein Glied zeigt. Ein unangenehmer Blick, ein unangebrachtes Wort, eine ungewollte Berührung: Seit 18 Jahren berät die Stiftung Opferhilfe St. Gallen unter anderem Frauen, die sexuell belästigt wurden. Und seit 18 Jahren steigt die Zahl der Beratungen im Bereich Sexualdelikte konstant.

Bester Nährboden für Übergriffe

Ein Fakt, der laut Fachleuten schwierig zu interpretieren ist. «Ob die Delikte zugenommen haben oder die Leute sensibilisierter sind, wissen wir nicht», sagt Brigitte Huber, Co-Geschäftsführerin der Opferhilfe. Die meisten Frauen, die sich bei der Stelle melden, sind zwischen 20 und 35 Jahre alt. Sie kommen aus der ganzen Region, viele aber aus der Stadt. Laut Huber kommen sexuelle Belästigungen in Städten häufiger vor als in kleineren Gemeinden. Ein Grund: In Städten gehen Frauen abends mehr aus.

«Die sexualisierte Atmosphäre in Clubs und Bars ist der beste Nährboden für Übergriffe», sagt Huber. Oft sei es nicht ein völlig Fremder, der zum Täter werde, sondern der Mann, den eine Frau am Abend kennenlerne. Der Kollege, der ein Nein plötzlich nicht mehr akzeptiere. Sexuelle Übergriffe in Clubs, Bars oder an Konzerten seien mittlerweile fast schon zur Normalität geworden. Für viele Frauen gehöre begrapscht zu werden quasi schon fast zum Ausgang.

Übergriffe durch Minderjährige

Frauen werden aber nicht mehr nur von Gleichaltrigen oder älteren Männern sexuell belästigt, sondern offenbar auch immer öfter von Jugendlichen, von Minderjährigen: «Wir beobachten seit einigen Jahren eine Zunahme von solchen Fällen», sagt Regula Schwager, Co-Leiterin der Opferberatungsstelle Castagna in Zürich. Dort werden laut Schwager jährlich über 1000 sexuell ausgebeutete Kinder, Jugendliche und erwachsene Frauen betreut. Darunter auch viele aus St. Gallen. Ein Grund für die Zunahme von Übergriffen von Minderjährigen sei der leichte Zugang zu pornographischen Darstellungen. «Kinder lernen durch Imitation», sagt Regula Schwager. «Die im Internet gezeigten Formen von Sexualität beeinflussen die psychosexuelle Entwicklung auf ungute Art.» Dass Pornos oder Werbebilder zu einer solchen Entwicklung führen könnten, vermutet auch Brigitte Huber von der Opferhilfe St. Gallen. Sie kann eine Zunahme von Übergriffen Minderjähriger in St. Gallen allerdings nicht bestätigen. Regula Schwager nimmt aber an, dass sich die Zunahme von solchen Fällen bald auch in St. Gallen zeigen wird. «Vielleicht einfach etwas verspätet.»

Mehr Anzeigen als zuvor

Es suchen nicht nur immer mehr Opfer Hilfe bei Beratungsstellen. Immer mehr gehen auch zur Polizei. Im Jahr 2006 haben in St. Gallen 50 Personen wegen sexueller Belästigung Anzeige erstattet. 2007 waren es 54, 2008 insgesamt 66 Anzeigen. Seit 2009 – in diesem Jahr erstatteten 65 Personen Anzeige wegen sexueller Belästigung – wird auch erhoben, wo die Opfer belästigt wurden. Bei 14 Personen passierte es laut Hanspeter Eugster, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen, «privat», also in den eigenen vier Wänden. Der Grossteil jener, die sich bei der Polizei meldeten, wurde aber in der Öffentlichkeit belästigt. «Die Täter trauen sich in der Öffentlichkeit eher», sagt Eugster. Sie fühlten sich sicherer in einer Menschenmenge.

Wenn sich jemand in einer Situation belästigt fühle, solle er sich bei der Polizei melden, sagt der Kapo-Sprecher. Brigitte Huber rät Betroffenen, sich mit anderen auszutauschen, nicht zu schweigen, Hilfe bei Fachstellen zu suchen. Und damit – zumindest im Ausgang – erst gar nichts passiert, nie alleine auszugehen.