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FC ST.GALLEN: «Der FC St.Gallen ist politisch too big to fail»

ST.GALLEN. Der Sportökonom Helmut Dietl spricht im Interview mit dem St.Galler Tagblatt über Stadionfinanzierungen im Spitzenfussball, die Erwartungen an die Politik und fragwürdige Synergien.
Helmut Dietl, Professor am ISU der Universität Zürich, Sportökonom und Autor («Millisekunden und Milliarden», mit Egon Franck, NZZ). (Bild: pd)

Helmut Dietl, Professor am ISU der Universität Zürich, Sportökonom und Autor («Millisekunden und Milliarden», mit Egon Franck, NZZ). (Bild: pd)

Herr Dietl, St. Gallen steht vor einer grundlegenden Sanierung der maroden FC- und Stadionfinanzen, die zu wesentlichen Teilen auch von der öffentlichen Hand geleistet werden soll. Gehört Spitzenfussball zu den öffentlichen Aufgaben?
Helmut Dietl: Ich muss vorausschicken, dass ich von der sportlichen und finanziellen Krise des FC St. Gallen gehört habe, aber die Situation nicht im Detail kenne. Jedoch ist das St.Galler Modell mit einem traditionsreichen und regional verankerten Super-League-Club, einem neuen Stadion und drei Gesellschaften für Club, Besitz und Betrieb sicher nicht untypisch. In der Regel hat die Politik wichtigere Aufgaben als die Förderung des Spitzenfussballs. Und im Idealfall ist die Stadt weder am Club noch am Stadion beteiligt und stellt nur Infrastrukturleistungen zur Verfügung, wie etwa die Verkehrsanbindung des Stadions.

Die Beteiligung der öffentlichen Hand in St. Gallen ist allerdings bereits weitreichend – sie betrifft Landschenkungen, Grundpfandsicherungen, Infrastruktur, bis hin zu Sitzplatzoptionen. Ganz zu schweigen von der Aktienstreuung in der breiten Bevölkerung und dem Gefühl, dass der FC und «sein» Stadion letztlich «allen gehören».
Dietl: Auch dies ist eine bekannte Konstellation, und gemessen am «Wirtschaftsprogramm» verständlich. Die Politik fühlt sich bei einem Fussball-Spitzenclub mit einer grossen lokalen Fanbasis oft verpflichtet mitzumachen.

Sie beschrieben in einem Aufsatz das «Dilemma der Stadionfinanzierung» und damit die unabänderliche Abhängigkeit von Stadioneigentümern und Club. «Der Stadioninvestor kann seine Kuh, das heisst den Heimclub, nicht melken, ohne sie zu schwächen.» Mit anderen Worten: Wenn der Club schwächelt, ist auch das Stadion nichts mehr wert.
Dietl: Der wesentliche ökonomische Unterschied zwischen einem Fussballstadion und anderen Immobilien besteht darin, dass der Wert eines Fussballstadions in erster Linie von der Qualität der Heimmannschaft abhängt. Das schönste Fussballstadion ist wertlos, wenn darin keine Topmannschaft spielt. Im Gegensatz zu vielen Wohn- und Gewerbeimmobilien gibt es für ein Fussballstadion nur einen möglichen «Mieter», den Heimatclub. Wenn der FC St. Gallen absteigt, sinkt der wirtschaftliche Wert des Stadions erheblich. Damit steht der Stadionbesitzer immer vor einem Dilemma: Jeder zusätzliche Franken, den er vom Club als Miete bzw. Pacht verlangt, verringert die Möglichkeiten des Clubs, in die Spielstärke und damit die Attraktivität seiner Mannschaft zu investieren. Aufgrund dieser Problematik wäre es aus ökonomischer Sicht effizient, wenn Club und Stadion im selben Eigentum wären.

Kann denn im Extremfall ein heilsamer Schock via Konkurs und Zwangsabstieg wie in Lausanne, Genf oder Ulm eine brauchbare Lösung sein?
Dietl: Das hängt von der Perspektive ab, ähnlich wie bei der Finanzkrise. Sollte man die UBS retten – oder sie in Konkurs gehen lassen wie Lehman Brothers? Soll der FC St. Gallen das gleiche Schicksal erleiden wie Servette Genf? Wer will und kann eine Investitionsruine verantworten? Politisch, lokalpolitisch gesehen ist der FC St. Gallen wohl «too big to fail».

Weil der Fussball allein nicht genüge, brauche es Stadien mit Mantelnutzung, wurde in der Schweiz in den letzten Jahren argumentiert – auch in St. Gallen. Was halten Sie davon?
Dietl: Da bin ich eher skeptisch. Zum einen bleibt das Grunddilemma bestehen. Der Wert des Stadions steht und fällt mit dem sportlichen Erfolg des Heimclubs. Dieses Risiko lässt sich auch durch eine geschickte Mantelnutzung nicht wirksam bekämpfen, bestenfalls leicht abfedern. Aber gibt es tatsächlich grosse Synergien zwischen einem Shoppingcenter und einem Stadion? Oft sind Planungen für eine derartige Mantelnutzung bereits ein Indiz dafür, dass die Finanzierung des Stadions wirtschaftlich gesehen auf schwachen Beinen steht.

Das grössere Bauvolumen freut jedenfalls die Baufirma. Hinter ihr Vorgehen, etwa beim Ausbau, setzen in St. Gallen aber manche ein Fragezeichen.
Dietl: Wie gesagt, dazu könnte ich mich erst äussern, wenn die Details zu den Zahlen und Strukturen auf dem Tisch sind. Eine gewisse Intransparenz ist vielen Finanzstrukturen eigen, nicht nur im Fussball – bis wieder einmal ein Modell explodiert.

Interview: Marcel Elsener

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