Fassadenkletterei war ein Wagnis

Wer eine Hauswand hochklettert, um in seine Wohnung zu gelangen und dabei in die Tiefe fällt, muss eine Kürzung der Versicherungsleistung akzeptieren. Das sagt das Bundesgericht.

Urs-Peter Inderbitzin
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ST. GALLEN. Der Vorfall trug sich im Juli 2010 zu. Eine heute 53jährige Angestellte und Hausfrau aus dem Kanton St. Gallen hatte ihre Wohnung durch das geöffnete, elektrisch betriebene Garagentor verlassen, um im Garten Wäsche aufzuhängen. Aus ungeklärten Gründen schloss sich das Garagentor und die Frau hatte sich, da sie keinen Schlüssel bei sich trug, aus dem Haus ausgeschlossen.

Mit Pantoffeln abgerutscht

Da der Backofen in Betrieb war und die Frau einen Brand verhindern wollte, stieg sie auf das Dach eines Anbaus, um in ihre Wohnung im zweiten Obergeschoss zu gelangen. Beim Versuch, einen rund 1,2 Meter breiten Übergang zu queren, rutschte die Frau, die Pantoffeln ohne Fersenteil trug, aus und stürzte fünf Meter in die Tiefe. Sie zog sich beim Unfall diverse Verletzungen zu.

Ihre Unfallversicherung, die Zürich Versicherungs-Gesellschaft, stufte die Fassadenkletterei als Wagnis ein und kürzte ihre Geldleistungen um 50 Prozent. Sie sprach der Frau nur die Hälfte der während der Arbeitsunfähigkeit zu gewährenden Taggelder zu und stellte weitere Kürzungen in Aussicht, zahlte jedoch die vollen Heilungskosten.

Das Verwaltungsgericht des Kantons St. Gallen, an das sich die verunglückte Frau wandte, befand ebenfalls, dass die Frau mit der gefährlichen Fassadenkletterei ein Wagnis eingegangen war, weshalb die Leistungskürzung zu Recht erfolgt sei.

«Waghalsige Kletterei»

Nicht anders hat jetzt auch das Bundesgericht entschieden. Wer mit Pantoffeln ohne Fersenteil eine Hausfassade hochklettert, handelt laut dem Urteil aus Luzern «leichtsinnig und riskant, ja waghalsig». Mit ihrer Fassadenkletterei habe sich die Frau einer besonders grossen Gefahr ausgesetzt, die sie nicht auf ein vernünftiges Mass habe beschränken können. Dass die Frau einen Brand zu vermeiden suchte und Haus und Mobiliar retten wollte, da in ihrer Wohnung der Backofen eingeschaltet war, nutzte ihr auch nichts.

Rettungshandlungen, die ein Wagnis beinhalten, rechtfertigen sich nur und führen nur dann zu keiner Leistungskürzung, wenn es um den Schutz von Personen geht. Dies stand im konkreten Fall nicht zur Diskussion, da sich keine Personen im Haus befanden. Laut Bundesgericht hätte die Frau die Polizei, die Feuerwehr, einen Schlüsseldienst oder ihren Mann, der ganz in der Nähe arbeitete, kontaktieren müssen. Schliesslich hätte die Frau in ihrer Not auch bloss eine Scheibe einschlagen können, um ins Haus zu gelangen.

Urteil 8C_640/2012 (vom 11.1.2013)