Ewige Grabesruhe seit 150 Jahren

Die moslemischen Gemeinden der Stadt sollen separate Grabfelder erhalten. Sonderrechte wie die ewige Grabesruhe würden ihnen damit nicht gewährt. Die Juden der Stadt hingegen geniessen solche seit Mitte des 19. Jahrhunderts.

Sarah Schmalz
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Jüdische Gräber auf dem in den Ostfriedhof eingegliederten Israelitischen Friedhof. Hier werden die meisten der St. Galler Juden begraben. (Bild: Michel Canonica)

Jüdische Gräber auf dem in den Ostfriedhof eingegliederten Israelitischen Friedhof. Hier werden die meisten der St. Galler Juden begraben. (Bild: Michel Canonica)

Zwischen zwei prunkvollen Eingängen zum christlichen Ostfriedhof liegt es, das unscheinbare Tor zum Israelitischen Friedhof. Neben der Türklinke ist ein kleines Plastikschildchen angebracht: «Bitte Schlüssel aus dem Kästchen neben dem Eingang nehmen.» Mit dem Betreten des von Hecken eingerahmten Friedhofs taucht man in eine vergangene Zeit ein, die vom christlichen Friedhof her kaum einsehbar ist.

Ewige Zeugen des Lebens

1920 ist der junge Mann verstorben, deren Angehörige ihm auf seinem verwitterten Grabstein ewiges Andenken versprechen. Erinnern können sie sich längst nicht mehr. Der alte Stein aber wird für immer vom früh beendeten Leben zeugen. Denn den Verstorbenen der Juden wird, auch in St.Gallen, die ewige Grabesruhe gewährt.

Auch die Moslems lassen ihre Verstorbenen traditionell ruhen. Auf den Grabfeldern, die ihnen auf dem St.Galler Friedhof Feldli zur Verfügung gestellt werden sollen (Tagblatt von gestern), würde ihnen das aber ebenso wenig erlaubt wie die Bestattung in einem Leichentuch. Der Stadtrat stellt ausdrücklich klar: «Auch auf separaten Moslemgrabfeldern würden die Bestimmungen des kantonalen und des städtischen Rechts gelten.» Dazu gehört nebst dem obligatorischen Sarg auch eine Ruhefrist von lediglich 20 Jahren.

Ein angestammtes Recht

Weshalb nun sind diese Regeln für die Moslems, nicht aber für die Juden bindend? Die Antwort liegt in der Historie. Bereits 1865 nämlich beschloss der Grosse Rat der Stadt St. Gallen, das damalige Stadtparlament, die Konstituierung einer Israelitischen Kultusgemeinde. Damit wurden die Ausübung des jüdischen Gottesdienstes, die Errichtung einer Religionsschule und die Anlegung eines Begräbnisplatzes gestattet.

Der erste Judenfriedhof (Kasten) wurde nach der Einweihung ebenso kontrovers diskutiert wie heute die Moslemgrabfelder. Weil sich die Befürworter der jüdischen Sonderrechte in Bestattungsfragen durchsetzten, wurden diese beibehalten und in den wechselnden Gesetzgebungen verankert. Das kürzlich revidierte kantonale Gesetz über die Friedhöfe und die Bestattungen von 1964 etwa erlaubte zwar nur separate Grabfelder für Priester und Kinder. Wegen der städtischen Judenfriedhöfe waren aber Bewilligungen zur Betreibung eigener Friedhöfe möglich. Als solcher gilt auch der neue, in den Ostfriedhof integrierte Israelitische Friedhof. Er ist im Besitz der Jüdischen Gemeinde St. Gallen und wird auch von dieser unterhalten.

Keine Einschränkungen

Nur noch rund 100 Mitglieder zählt die Gemeinde. Dennoch ist das neueste Grab auf dem Israelitischen Friedhof nicht älter als ein Jahr. «Fast alle Juden der Stadt lassen sich hier begraben», sagt der jüdische Religionslehrer Eliahu Tarantul. Nach der rituellen Trauerzeremonie in der friedhofseigenen Abdankungshalle werden die Verstorbenen der ewigen Ruhe überführt. Auf dem eigenen Friedhof gelten die Regeln des Judentums.

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