EVERGREEN: Der Luxus-Teamspieler

Mario Signer gehört nicht zu den Ehemaligen des FC St. Gallen, bei denen die Anhänger ins Schwärmen geraten. Aber er war für die Trainer der ideale Mannschaftsspieler.

Fredi Kurth
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Mario Signer (rechts) bremst Karl-Heinz Rummenigge beim 0:0 im Uefa-Cup-Rückspiel gegen Inter Mailand. In seinem Rücken Beat Rietmann. 1 (Bild: PD)

Mario Signer (rechts) bremst Karl-Heinz Rummenigge beim 0:0 im Uefa-Cup-Rückspiel gegen Inter Mailand. In seinem Rücken Beat Rietmann. 1 (Bild: PD)

Fredi Kurth

stadtredaktion@tagblatt.ch

Mit behändem Schritt kommt ­jemand gut hörbar die Treppe ­heruntergeeilt: Mario Signer, vor einem Monat runde 60 geworden. «20- bis 30-mal täglich überwinde ich die vier Stockwerke. Der Lift ist zu langsam», sagt er. Das hält ihn fit, das sagt aber auch einiges aus über den florierenden Betrieb der Signer AG in Ennetaach-Erlen, den er zusammen mit seinem Bruder Lorenz führt. Just in der Sommerzeit, da die Konkurrenz bis hin nach Bern wegen Ferien geschlossen hat, wollen viele Kunden der Metallverarbeitungsfirma möglichst rasch bedient werden.

Manche Anhänger des FC St. Gallen werden sich kaum mehr an Mario Signer erinnern. Denn er agierte bloss zwei Jahre auf dem Espenmoos. Aber er bestritt 59 von möglichen 60 Spielen, un­ter ihnen die beiden legendären Uefa-Cup-Partien mit Inter Mailand. «Einmal war ich krank gewesen», sagt er. 1984/85 belegte St. Gallen den vierten Platz und 1985/86 Rang elf. Die Tordifferenz in der ersten Saison betrug 66:32. 4:0 gegen Basel, 6:1 gegen die Grasshoppers, 5:1 gegen die Young Boys, 4:0 gegen Zürich – so wurde die Prominenz der ­Nationalliga A nach Hause geschickt. «Für uns war klar – auf dem Espenmoos haben wir das Sagen.»

Signer wurde ab und zu als «Liebling von Helmuth Johannsen» bezeichnet. Der Trainer verlangte von ihm, im linken Mittelfeld die defensive Ordnung zu ­bewahren. Eine unspektakuläre Aufgabe. Ein Pässchen hier, ein Pässchen dort. Heute wäre er bei dem manchmal übertriebenen Kurzpassspiel ein Star. «Weil ich ein Teamplayer war und nicht ­primär für mich schaute, spielte ich auch viel», sagt Mario Signer. Er war ein verlässlicher Gefolgsmann des Trainers, einer, der Leuten wie Ritter, Gisinger oder Gross den Rücken frei hielt. Dabei hatte er die fussballerische Eleganz für Kabinettstückchen.

Der kleine Mario war oft super

Trotz seiner Zurückhaltung blieben die Leistungen nicht ver­borgen. «Der brave Mario Signer. Mit Frechheit zum Stammplatz», lautete die grosse Schlagzeile im «Blick». Signer hat in einem ­dicken Ordner alle Reaktionen gesammelt. So auch die gute Kritik, die er zur Freude seiner italienischen Verwandten mütterlicherseits trotz der 1:5-Niederlage in Mailand erhielt. Im torlosen Rückspiel vor der Rekordkulisse von 16 200 Fans bremste er in ­einigen Duellen Karl-Heinz ­Rummenigge aus. Aber Signer war auch selbstkritisch, hat selbst einen Leserbrief aus dem «Tagblatt» abgelegt, bei dem ein Anhänger die «obskure Rolle von Signer im Mittelfeld» hinter­fragte.

Zum FC St. Gallen war er über Umwege gekommen. Wegen des Studiums am Technikum war der Wechsel vom FC Amriswil zum B-Verein FC Winterthur nahe­liegend. Ottmar Hitzfeld ver­masselte im Entscheidungsspiel gegen Lugano mit einem Penalty in der 119. Minute den Aufstieg. Aber Bert Theunissen, Winterthurs Trainer, nahm Signer mit nach Bern, wo er zwei Jahre ebenfalls regelmässig spielte. Auch dort fühlte er sich als der kleine Mario inmitten von arrivierten Young Boys wie Eichenberger, Schönenberger, Brechbühl oder Conz. «Und Servette spielte gegen uns mit zehn Internationalen wie Favre, Brigger, Decastel oder Renquin».

Berufliche Karriere trotz Fussballbelastung

Helmuth Johannsen holte ihn dann aufs Espenmoos. Den Spagat mit der beruflichen Laufbahn musste er oft mit einem 20er-Nötli Bussgeld bezahlen, weil er am Arbeitsplatz in Ennetaach um 16 Uhr ­Feierabend hatte, aber um 16.30 Uhr in St. Gallen beim Training sein sollte. Einmal, nach einem 4:1-Sieg in Sion (!), war der Mannschaftsbus morgens um 2.30 Uhr zurück, um 7 Uhr war er in Ennet­aach im elterlichen Betrieb an der Arbeit. Ein Lehrer am «Tech» sagte ihm: «Das einzige Fach, in dem du gut bist, ist Fussball.» Den Maschineningenieur mit HTL-Abschluss schaffte er dennoch.

Seine Bescheidenheit, die er bereits auf dem Feld zeigte, hat er sich bis heute bewahrt. Er hat den Einladungen des FC St. Gallen zu Ehemaligen-Treffen nie Folge geleistet, weil das, wie er meint, wohl nur für die heraus­ragenden Leute gedacht sei. ­Hingegen hat er zwei Business-Plätze im Kybunpark und besucht häufig mit seiner Frau Renate die Spiele. Kontakt hat er noch mit Eugen Mätzler, dem ehemaligen FCSG-Helfer in der Krise und Teamkollege bei Winterthur. Er sitzt im Verwaltungsrat seiner Firma.

Zurückhaltung, gepaart mit Leistung, das kann zu Grösse ­führen. Die Signer AG in Erlen ist permanent gewachsen, beschäftigt 50 Mitarbeiter. Mario Signer trainiert seine Fitness nicht zuletzt auch, wenn er täglich durch die riesigen Fertigungs- und Lagerhallen schreitet. Aber auch beim Golf auf der nahen 18-Loch-Anlage bleibt er fit. Mit einem Handicap von 8 war er vor zwei Jahren sogar Thurgauer Seniorenmeister.

FC ST. Gallen – FC Sion

Morgen So, 16 Uhr, Kybunpark;

Matchtipp Mario Signer 2:0

Einst Spieler – und heute?

Evergreen Die Stadtredaktion ruft auch in dieser Saison einige ausgewählte Akteure des FC St. Gallen in Erinnerung, die zwischen den 1960er-Jahren und der jüngeren Vergangenheit auf dem Espenmoos oder im neuen Fussballstadion gespielt haben. (red)