«Etwas fürs Leben gelernt»

Die St. Galler Regierung prüft die Aufhebung der Wirtschaftsmittelschule (WMS). Ein Schüler erzählt, was ihm die Schule bringt – für den Beruf und fürs Leben.

Timo Posselt
Drucken
Teilen
Florin Reifler bereut den Entscheid für die WMS nicht. (Bild: Michel Canonica)

Florin Reifler bereut den Entscheid für die WMS nicht. (Bild: Michel Canonica)

Die Leserbriefe liessen nicht lange auf sich warten, als Markus Straub, Präsident der Finanzkommission (FiKo) des St. Galler Kantonsrates, die WMS im Vergleich zur Kombination Lehre/Berufsmatura als «veraltet» bezeichnete. Der Präsident der FiKo sieht in der Schule Sparpotenzial. Die Regierung prüft die WMS im Auftrag des Parlaments nun genau und wird voraussichtlich gegen Ende Jahr in einem Bericht festhalten, wie viel sich sparen liesse, wenn die Schule abgeschafft würde.

Beides – Praxis und Wissen

Florin Reifler, 18, wollte eigentlich ins Gymnasium. In der zweiten Sek absolvierte er die Aufnahmeprüfung, fiel aber durch. In der dritten Sek habe er die Prüfung nicht noch einmal probiert, weil er nicht vier Jahre «knallhart in die Schule» wollte, wie er sagt. «Ich wollte etwas mit Praxiserfahrung machen und trotzdem nicht auf eine gute Allgemeinbildung verzichten». Die WMS sei genau das gewesen, was er gesucht habe, sagt Reifler.

Während vier Jahren lernen die WMS-Schüler im Schulhaus der Kantonsschule am Brühl in St. Gallen die Grundlagen des Wirtschaftens. Besonderen Wert legt die WMS auf Sprachen: Im ersten Jahr verbessern die Schüler in einem siebenwöchigen Sprachaufenthalt ihr Französisch. «Ich arbeitete in einem Hotel in der Nähe von Neuenburg», sagt Reifler. Dort habe er neben der Sprache auch etwas fürs Leben gelernt – sich in gewissen Situationen zu beherrschen. «Einmal habe ich zu viele Salatteller auf den Servierwagen gestellt und alles fiel zu Boden». Der Chefkoch habe dann aber nur gemeint: «Pas de souci» – kein Problem.

Mit Arabern und Brasilianern

Ein Jahr später ging es dann schon wieder weg, und zwar nach Vancouver in Kanada. «Während acht Wochen habe ich bei einer Gastfamilie gewohnt und jeden Tag die Schule besucht, um Englisch zu lernen», erzählt Reifler. Der junge St. Galler war mit Schülern aus Südkorea, Brasilien und Saudi-Arabien in einer Klasse. «Ich habe neben der Sprache auch gelernt, andere Kulturen zu verstehen», sagt Reifler. Er habe dort viele Vorurteile abgebaut.

Nun steckt Florin Reifler mitten im Betriebspraktikum. Dieses müssen alle WMS-Schüler während eines Jahres in einem kaufmännischen Betrieb absolvieren. Florin Reifler arbeitet bei dem Verpackungshersteller K & D in St. Gallen. Zurzeit ist er im Sekretariat der Firma im Einsatz. Seine Sprachkenntnisse kann er immer wieder anwenden: «Bei uns rufen auch Kunden aus Shanghai, London oder Tokio an. Wenn die Mitarbeiter im Sekretariat mit ihrem Englisch nicht mehr weiter kommen, übernehme ich den Anruf gerne.»

Alles ausser Lehre

Fragt man Reifler, was er gemacht hätte, wenn es die WMS damals nicht gegeben hätte, denkt er kurz nach und sagt dann: «Ich wäre wohl ins zehnte Schuljahr gegangen und hätte dann die Kanti- sowie die Fachmittelschul-Prüfung gemacht.» Eine Lehre käme für Florin Reifler erst als Letztes in Frage.

Aktuelle Nachrichten