ETHIK: Im Museum gibt es tot und töter

Ob und ab wann menschliche Überreste in einem Museum gezeigt werden sollen, wird immer wieder kontrovers diskutiert. 200 Jahre alte Schrumpfköpfe sind schwieriger zu zeigen als 3000 Jahre alte Mumien. Das wissen auch St. Galler Museen.

Elisabeth Reisp
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Darf man einen Schrumpfkopf zeigen? Gehört eine Mumie in eine Ausstellung? Ethische Fragen sind immer ein Spiegel der Zeit. (Bild: Ralph Ribi/Coralie Wenger)

Darf man einen Schrumpfkopf zeigen? Gehört eine Mumie in eine Ausstellung? Ethische Fragen sind immer ein Spiegel der Zeit. (Bild: Ralph Ribi/Coralie Wenger)

Elisabeth Reisp

elisabeth.reisp@tagblatt.ch

Darf man tote Menschen oder Teile von ihnen ausstellen? Wie lange muss der Mensch bereits tot sein, um ihn ausstellen zu können? Und was ist mit den Überresten von Menschen, die eines gewaltsames Todes gestorben sind? Museen mit einer ethnologischen Abteilung müssen sich immer wieder aufs Neue mit diesen Fragen auseinandersetzen. Die Antwortfindung gestaltet sich oft als waghalsiger Seiltanz. Verliert man die Balance, warten Ungemach und Kritik von Publikum, Ethiker und ja, auch von den Medien.

Das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen führt das eine oder andere «Human Remain», einen sterblichen Überrest, auf seiner Inventarliste. Vor sechs Jahren erlangte das Museum schweizweite Aufmerksamkeit, weil es Schrumpfköpfe, eine Art Jagdtrophäe von Urvölkern, zeigte. Die Kritik folgte auf dem Fuss. Seither ist das Museum noch vorsichtiger geworden im Umgang mit «Human Remains». Zum Museumstag am vergangenen Sonntag hat es sogar eine Veranstaltung zu dem Thema durchgeführt. Auch das Publikum wird immer sensibler. Dem war allerdings nicht immer so.

Die Wahrnehmung der Gesellschaft ändert sich

«Wie selbstverständlich wurden früher Mumien ausgestellt», sagt Daniel Studer, Direktor des Historischen und Völkerkundemuseums. Auch Skelette gehörten in der archäologischen Abteilung einfach dazu. Mit der Beschaffung und der späteren Ausstellung von Schrumpfköpfen von Jivaro-Indianern aus dem Amazonasgebiet geriet Studer aber in Kritik. Vor allem die Medien haben sich an seiner angeblichen Pietätlosigkeit gestört. Was Daniel Studer noch heute verwundert. Aber wie Anderes unterliege auch diese Wahrnehmung dem gesellschaftlichen Wandel und zunehmender Sensibilität.

Tatsächlich kann man sich heute erneut darüber streiten, wie lange ein Mensch tot und unter welchen Umständen er gestorben sein muss, bis er gezeigt werden kann. Der internationale Museumsrat (Icom) geht davon aus, dass nach vier bis fünf Generationen die Erinnerung an einen Menschen aus ethnologischer Sicht verblasst ist und daher nach 125 Jahren menschliche Überreste gezeigt werden können. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um eine Empfehlung mit vielen Wenn und Aber. Denn eine klare Rechtsgrundlage gibt es dazu nicht. Auch in der Schweiz gibt es keine spezifischen Gesetze, wie David Vuillaume, Geschäftsleiter Icom Schweiz, bestätigt. Daher hat der Internationale Museumsrat ethische Richtlinien ausformuliert, an die sich die Museen halten müssen. Oberste Prämisse ist die Einhaltung professioneller Standards fürs Sammeln, Forschen und Ausstellen. Letzteres soll mit Taktgefühl und Achtung vor der Menschenwürde getan werden.

David Vuillaume attestiert dem St. Galler Völkerkundemuseum vorbildlichen und sorgfältigen Umgang mit sterblichen Überresten. Ganz anders sehe es in den USA aus. Dort gebe es Museen, die Mumien wie in einem Hollywood-Film inszenieren, inklusive grusliger Musik. Das wäre in der Schweiz mit einer echten Mumie nicht möglich.

Skalp, Mumienteile, Skelette

Das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen hat allerlei Kurioses im Archiv. Dazu gehört ein Skalp, eine Hockmumie aus Peru, komplette ägyptische Mumien, diverse Mumienteile, Skelette und eben die Schrumpfköpfe. Wichtig sei der respektvolle Umgang mit den Überresten, sagt Direktor Studer. Die Hockmumie beispielsweise werde in einem abgedunkeltem Raum hinter Milchglas gezeigt. Nicht gezeigt werde, was nicht im Kontext zu einer Ausstellung stehe. «Wir zeigen nichts um des Effektes wegen!» Aus diesem Grund seien die einzelnen Mumienteile, die noch bis in die 1920er- und 1930er-Jahre in den Museen in Ägypten als Souvenirs verkauft worden sein, in seiner Amtszeit noch nie gezeigt worden.

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