«Es stimmt, wir sind privilegiert»

Ob Waltramsberg, Einschulung oder Verkehrsprobleme – immer wieder gebärden sich Rotmöntler aufmüpfig gegen die Stadtbehörden. Quartiervereinspräsident Bernhard Reeb erklärt, wieso das so ist und wie er sein Amt versteht.

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Herr Reeb, wie erleben Sie das Ansehen des Quartiers Rotmonten?

Bernhard Reeb: In der Stadt unten sind die meisten der Meinung, dass Rotmonten ein privilegiertes Quartier sei. Zu Recht. Wir haben eine schöne Wohnlage, keinen Durchgangsverkehr, Schulen ohne Integrationsprobleme. Wir haben keine Unruhestifter, keine Szene und kaum Vandalenakte.

Woher kommt es denn, dass es immer wieder laut von Rotmonten herunter tönt?

Reeb: Bei uns leben viele Leute mit eigener Meinung. Wobei wir uns auf hohem Niveau beklagen. Das wird uns immer mal, so im Kontakt mit Vertretern der Stadtbehörden, auch zum Vorwurf gemacht: Wir hätten es doch so schön und sollten zufrieden sein.

Ist das Quartier zu wenig in politischen Gremien vertreten?

Reeb: Schwierige Frage. Viele Leute sind bei uns vielseitig interessiert, auch politisch, haben aber nicht viel Zeit und besuchen nicht immer alle Anlässe. Manches geht dann an ihnen vorbei, und sie melden sich erst, wenn es wirklich konkret wird. Die Rotmöntler Delegation im Stadtparlament vertritt oft nicht nur Quartiersinteressen, sondern politisiert vor allem aus städtischer Gesamtoptik.

Müsste der Präsident des Quartiervereins im Stadtparlament sitzen?

Reeb: Das hätte sicher Vor- und Nachteile. Zu politisch darf die Aufgabe des Quartiervereinspräsidenten meines Erachtens nicht sein. Man wäre als Parlamentsmitglied auch in die Parteipolitik und die entsprechende Interessenvertretung eingebunden. Ich ziehe hier ein wenig Distanz vor.

Stadtpräsident Thomas Scheitlin wohnt ja auch in Rotmonten…

Reeb: Er verhält sich, was die Quartierpolitik betrifft, natürlich ganz neutral.

Wie verstehen Sie denn Ihre Rolle? Eher als strikter Vertreter des Quartiers oder als Vermittler?

Reeb: Mein Job ist es weiterhin, die Meinung der Bevölkerung vorzubringen, und zwar auch dann, wenn sie nicht meiner persönlichen entspricht. Wir vom Quartierverein wollen sachlich die Probleme darlegen und Polemik oder gar Drohungen vermeiden. Auf diese Weise haben wir schon einiges erreicht, zum Beispiel, dass aus der Sonnenkreuzung nicht ein Kreisel wird.

Ist das Quartier nicht manchmal gespalten?

Reeb: Es gibt in Rotmonten erstaunliche Unterschiede, Quartiere im Quartier sozusagen. An der Seeblickstrasse gibt es zum Beispiel auch alte, kleine Reihenhäuschen und an der Guisanstrasse Wohnblöcke, wo auch einfachere Leute wohnen.

Aber in Rotmonten wohnt auch Prominenz.

Reeb: Das trifft zweifelsohne zu. Aber es ist gar nicht so einfach, den Überblick zu haben. Von Kurt und Paola Felix weiss man es natürlich, viele Professoren der Uni wohnen hier. Fussballer Tranquillo Barnetta hat hier bei den Junioren gespielt. Für mich sind aber alle in erster Linie Quartierbewohner, deren Interessen ich so gut wie möglich vertreten will.

1911 wurde von der Stadt ein Wettbewerb ausgeschrieben. Rotmonten sollte ein bedeutendes Quartier werden. Entwickelt es sich heute noch?

Reeb: Schon, vor allem durch die Uni. Aber es stösst an gewisse Grenzen. Baulich gibt es bloss noch Nischenplätze.

Ausser der Waltramsberg wird eingezont. Was tippen Sie: Wird dort einmal gebaut?

Reeb: Ich glaube und hoffe nicht. Es wäre sehr schade um diesen wunderbaren Flecken.

Fürchten Sie nicht um das Quartier, wenn sich die HSG immer mehr ausbreitet?

Reeb: Die Uni befindet sich sowohl am Rande der Stadt als auch am Rande des Quartiers. Dort hat es noch Platz, um weitere Gebäude für Lehre und Forschung zu errichten. Dies wird das Quartier und die Stadt auf jeden Fall nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Die Universität ist aber ein wichtiger Bestandteil der Stadt, die ohne sie nicht der Standort wäre, der sie heute ist. Nein, um Rotmonten habe ich keine Angst.

Bleibt Rotmonten aufmüpfig? Der Quartierverein soll für Aktionen einiges Geld auf der hohen Kante haben.

Reeb: Das hat nichts mit Geld zu tun. Ich gehe davon aus, dass verschiedene Exponenten aus Rotmonten weiterhin ihre Meinung kundtun. Aber das gilt für andere Quartiere ebenso. Auch im Riethüsli und in St. Georgen läuft immer wieder etwas.

Haben Sie selber keine politischen Ambitionen?

Reeb: Nein, auch wenn ich den Weg in die Politik nicht kategorisch ausschliesse. Aber Quartiervereinspräsident wurde ich, um etwas für die Allgemeinheit zu tun. Man kann sich in dieser Aufgabe profilieren, aber sie besteht auch aus viel Kleinarbeit. Ich werde vorläufig weitermachen, da sich niemand anders zur Verfügung stellt. Interview: Fredi Kurth

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