«Es ist wie ein Tsunami»

Als eine von 25 Nationalräten schaffte die Wilerin Yvonne Gilli von den Grünen die Wiederwahl in den Nationalrat am vergangenen Sonntag nicht. Im Interview mit der Wiler Zeitung spricht sie über die Gründe, ihre Gefühlslage, die offene politische Zukunft und die «Wiler Fraktion».

Philipp Haag/Simon Dudle
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Die Noch-Nationalrätin Yvonne Gilli wird künftig vermehrt in der eigenen Arztpraxis anzutreffen sein. (Bild: Simon Dudle)

Die Noch-Nationalrätin Yvonne Gilli wird künftig vermehrt in der eigenen Arztpraxis anzutreffen sein. (Bild: Simon Dudle)

Frau Gilli, wie geht es Ihnen einige Tag nach der Abwahl?

Yvonne Gilli: Das Hauptgefühl ist Trauer. Ich spüre eine grosse Wertschätzung von verschiedenen Leuten, was dieses Gefühl noch verstärkt. Es ist wie ein Tsunami.

Wieso sind Sie nicht wiedergewählt worden?

Gilli: Die kurzfristige Ursache war die Flüchtlingspolitik. Sie diente als Mittel zum Zweck und man hat die Wähler damit instrumentalisiert. Der längerfristige Effekt betrifft nicht nur die Schweiz. In Kanada zum Beispiel wurde am gleichen 18. Oktober ein liberaler Ministerpräsident gewählt und damit eine Gegenbewegung ausgelöst.

Trotzdem: Haben ökologische Themen an Gewicht verloren?

Gilli: Beim Sorgenbarometer sieht man, dass die Umweltthemen nicht verschwunden, aber aus den Top drei gerutscht sind. Die Projekte sind jedoch nicht abgeschlossen und es braucht weiterhin einen Impulsgeber.

Wären Sie eine Listenverbindung mit der SP und den Grünliberalen eingegangen, hätten Sie den Sitz gehalten.

Gilli: Rückblickend war es ein Fehler, auf eine Listenverbindung zu verzichten. Wir hatten die Situation im Vorfeld mit allen Partnern ganz genau angeschaut und auch den Statistiker des Bundesamtes beigezogen. Es wurde nie ein Stimmenverlust der SP von mehreren Prozent prognostiziert. Wir konnten davon ausgehen, den Sitz halten zu können. Dann kam die Thematik mit den Flüchtlingen auf und für uns ist der Worst Case eingetreten.

War es mehr eine persönliche Niederlage oder eine für die Grünen?

Gilli: Die Grünen haben prozentual fast nicht verloren. Persönlich habe ich ein gutes Resultat erzielt. Aber mit nur einem Sitz geht es um Sein oder Nichtsein.

Wie sehen die finanziellen Konsequenzen der Abwahl aus?

Gilli: Ich bin in der privilegierten Situation, die berufliche Tätigkeit als Hausärztin aufstocken zu können. Das Parlament war finanziell nicht lukrativ für mich. Der Ratsentschädigung von 400 Franken pro Tag standen laufende Kosten in der Praxis von 800 Franken gegenüber. Ich habe mir den Nationalrat geleistet.

Wie fällt Ihr Fazit zu den vergangenen acht Jahren in Bundesbern aus?

Gilli: Ich war eine respektierte Gesundheitspolitikerin und habe alle wichtigen Gesetze in der Gesundheitskommission mitgestaltet. Zudem hinterfragte ich das Qualitätsverständnis der Verwaltung immer wieder. Man will immer mehr kontrollieren unter Kostendruck. Kontrollieren heisst messen. Aber ein Mensch ist keine Maschine. Darum wird damit nicht gespart, sondern es ist ein Kostentreiber.

Vier Wiler politisierten in den vergangenen Jahren im Bundeshaus. Wie eng war die Zusammenarbeit?

Gilli: Wenn es um regionalpolitische Themen wie Verkehr ging, haben wir zusammengearbeitet. Sonst spielt die regionale Herkunft keine Rolle.

Was werden Sie vermissen?

Gilli: Vieles. Dazu gehören die intellektuelle Herausforderung, aber auch die vielen Kontakte zu verschiedenen Kulturen. 13 Wochen pro Jahr bin ich mit Daniel Vischer Seite an Seite gesessen. Da entstehen Freundschaften.

Wie geht es nun weiter?

Gilli: Bis Ende November habe ich noch Kommissionssitzungen. Auch administrativ gibt es noch einiges zu tun. Momentan ist es schwierig, einen Termin für ein Mittagessen zu finden.

Die Kantonsratswahlen stehen bevor. Werden Sie kandidieren?

Gilli: Ich lasse mir bis Ende Jahr Zeit, um die neue Ausgangssituation zu analysieren. Mit Bestimmtheit werde ich mich nicht aus Frust aus der Politik verabschieden und bleibe ein politischer Mensch. Wir müssen aber neue Kräfte haben im Kanton. Es ist keine Kandidatur geplant.

Auch in der Stadt Wil stehen nächstes Jahr Wahlen an. Das Parlament wird um fünf Sitze verkleinert, was der Grünen-Partei Mühe bereiten könnte. Treten Sie da an?

Gilli: Auch das lasse ich offen. Es gibt ganz viele verschiedene Möglichkeiten, wie meine Zukunft aussehen kann. Ich bringe langjährige politische Erfahrung mit und will diese Qualität in die neue Tätigkeit einbringen.