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«Es gibt viele falsche Überzeugungen»

Die Stadt St. Gallen stimmt über den Atomausstieg ab, in Deutschland hingegen werden AKW-Laufzeiten verlängert. Der HSG-Energieexperte Rolf Wüstenhagen erklärt, wie realistisch ein Atomausstieg ist – und was er mit einem Orientierungslauf zu tun hat.
Wann sind Solar- und Windenergie wettbewerbsfähig? Gemäss HSG-Energieexperte Rolf Wüstenhagen sind die Technologien «weiter, als viele denken». (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Wann sind Solar- und Windenergie wettbewerbsfähig? Gemäss HSG-Energieexperte Rolf Wüstenhagen sind die Technologien «weiter, als viele denken». (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Herr Wüstenhagen, Basel und Zürich wollen zukünftig auf Atomstrom verzichten, Bern und St. Gallen stimmen über einen Ausstieg ab. Eine Entwicklung, die Sie freut?

Rolf Wüstenhagen: Was mich vor allem freut: Das Thema erneuerbare Energien ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dies zeigen Umfragen bei Energiekonsumenten, dies zeigt aber auch die Zustimmung des St. Galler Stadtparlaments zum Gegenvorschlag zur Atomstrom-Initiative.

Atomstrom hat aber auch Vorteile: Er ist der sichere Wert im Strommix vieler Städte und er ist CO2-neutral. Ist ein Ausstieg überhaupt nötig?

Wüstenhagen: Den Vorteilen stehen Risiken gegenüber. Die Investitionskosten für neue Kraftwerke sind sehr hoch, das Risiko des Unfalls ist da, mit der Endlagerung muten wir zudem kommenden Generationen einiges zu. Dazu kommt die Gefahr von Missbrauch der Kernenergie.

In der internationalen Diskussion wird es immer schwieriger, gewissen Ländern wie Iran aus politischen Gründen Kernkraft zu verbieten. Das birgt grosse Gefahren.

Müssen wir sofort aussteigen? Wir können auch warten, bis die Uranvorkommen in 40 bis 60 Jahren ohnehin zur Neige gehen.

Wüstenhagen: Es geht ja bei der Abstimmung nicht um den sofortigen Ausstieg, sondern um die Beteiligung an neuen Kraftwerken.

Warum heute in etwas investieren, wofür es absehbar bessere Lösungen gibt? Solar- und Windenergie erstarken so rasant, dass sie bald wettbewerbsfähig sein werden. Die Windenergie-Erzeugung wächst mit 30 Prozent jährlich, dies seit 20 Jahren. Ähnlich ist die Situation bei der Solarenergie: Das Elektrizitätswerk Zürich zahlte für die Kilowattstunde Solarstrom vor eineinhalb Jahren noch 60 Rappen, heute bekommt es wesentlich günstigere Angebote. Die St. Galler Stadtwerke hingegen verrechnen mir die Kilowattstunde immer noch für einen Franken.

Wenn sich dies ändert, muss man den Leuten die Atomkraftwerke nicht mehr verbieten.

Sie setzen also auf eine automatische Ablösung des Atomstroms durch wettbewerbsfähige erneuerbare Energien und sind gegen einen «erzwungenen» sofortigen Atomausstieg, wie ihn die Initiative in St. Gallen verlangt?

Wüstenhagen: Dass in der Initiative die Grundsatzfrage gestellt wird, ob die Beschaffungspolitik der Stadt mit der Geschwindigkeit des Wandels im Energiemarkt Schritt hält, finde ich nachvollziehbar.

Die Frage ist hier: Braucht's einen «Schubs» oder läuft der Umstieg von selbst? Die Innovationsforschung spricht von einer «Pfadabhängigkeit»: Wenn ein Unternehmen auf einem bequemen Weg unterwegs ist, kann ein Impuls Sinn machen, um es davon abzubringen. Ich mache Orientierungslauf: Auch hier macht sich dieses Phänomen bemerkbar.

Liegt ein Posten auf einer Anhöhe abseits des Wegs, braucht es einen bewussten Impuls, dass man nicht dem bequemen, breiten Weg folgt und das Ziel aus den Augen verliert.

Die Initiative wäre also ein «Schubs» in die richtige Richtung?

Wüstenhagen: Befindet sich ein Unternehmen in einer Pfadabhängigkeit, kann es hilfreich sein, wenn jemand Leitplanken gibt.

Ein gutes Beispiel ist Zürich: Das politisch formulierte Ziel in der Stadt, sich in Richtung 2000-Watt-Gesellschaft zu bewegen und auf Atomstrom zu verzichten, hat eine grosse Dynamik ausgelöst. Zürich tätigte in kurzer Zeit Investitionen in deutsche Windparks, die schon jetzt so viel Strom produzieren, wie 49 000 Haushalte verbrauchen.

Der Gegenvorschlag des St. Galler Stadtparlaments gibt als Ziel den Ausstieg per 2050 vor. Ebenfalls ein gangbarer Weg?

Wüstenhagen: Es ist ein Abwägen: Welchen Ausstiegsmoment zwischen heute und 2050 hält man für richtig? Wenn eine Stadt aber weiss, wohin sie will: Warum geht sie auf Umwegen zum Ziel? Nehmen wir die Geothermie als gutes Beispiel: Zunächst wollte die Stadt Wärme mit einem Gaskraftwerk gewinnen, dieses dann später mit Geothermie ersetzen.

Dann hat man sich gefragt: «Warum überhaupt dieser Umweg?» und hat direkt das Geothermie-Projekt aufgegleist. Es gibt einen Kontrast zwischen dieser mutigen Herangehensweise im Wärmebereich und derjenigen im Strombereich.

Aber der Strom würde wohl teurer, wenn die Stadt auf Atomstrom verzichtet.

Wüstenhagen: In diesem Argument stecken Annahmen.

Fährt die Stadt wirklich günstiger, wenn sie lange auf einen Atomstrom-Ausstieg wartet? Sie kommt zwar in den nächsten Jahren in den Genuss der heutigen Konditionen. Je früher sie sich aber um Beteiligungen an erneuerbarer Energien bemüht, desto grösser ist die Chance, dass sie gute Verträge abschliessen kann. Je mehr Städte nachziehen, desto knapper werden die Angebote. Der ideale Ausstiegszeitpunkt muss vor diesem Hintergrund abgewägt werden.

Er könnte im Jahr 2050 liegen…

Wüstenhagen: …oder auch wesentlich früher. Es wird sich schon in einigen Jahren die Frage stellen, was man mit auslaufenden AKW-Verträgen macht. Wenn man sich wieder an einem AKW beteiligt und dies wieder mit dieser langen Perspektive macht, dann wird man 2048 wieder am gleichen Punkt wie heute stehen.

Nun behaupten aber Gegner, dass ein Atomausstieg einer kleinen Stadt wie St. Gallen nicht viel bewirkt. Die Signalwirkung sei klein, zudem würden dann ganz einfach andere Gemeinden den Atomstrom beziehen.

Wüstenhagen: Im Strommarkt spielt Angebot und Nachfrage wie in anderen Bereichen. Immer mehr Kunden wollen erneuerbare Energien. Die Frage für eine Stadt muss sein: Wo kriege ich in Zukunft Strom her, der preiswert und umweltverträglich ist? Eine Stadt muss es nicht kümmern, wie der Atomkraftwerk-Betreiber seinen Strom los wird.

Sie haben die schnelle Entwicklung bei der Solarenergie angesprochen. Solarstrom kann aber – zum Beispiel im Winter und bei Dunkelheit – die entscheidende Grundlast nicht tragen.

Wüstenhagen: Das ist richtig, aber wenn man den Mix verschiedener erneuerbarer Energien anschaut, sieht es anders aus. Wind- und Sonnenenergie ergänzen sich gut. Biomasse und Geothermie produzieren rund um die Uhr Strom. Und die Schweizer Wasserkraft kann die verbleibenden Schwankungen ausgleichen.

Wichtig ist es, das Strom-Portfolio einer Stadt langfristig auf den Strommix der Zukunft auszurichten.

Windenergie hat einen grossen Nachteil: Windturbinen sind nicht sehr schön anzusehen. In der Schweiz ist zudem der Platz knapp.

Wüstenhagen: Bei der Ästhetik von Windturbinen gehen die Meinungen auseinander, das stimmt. Aber es gibt in der Schweiz gute Windenergie-Projekte, eines zum Beispiel im Wallis in Collonges, ein anderes im Jura. Auch auf dem Gotthard ist einiges geplant.

Für die Schweiz sehe ich aber auch grosse Chancen bei der Solarenergie: In den Alpen ist die Sonneneinstrahlung stark. In St. Antönien gibt es zum Beispiel ein interessantes Pionierprojekt: Lawinenverbauungen werden mit Solarmodulen versehen. Der Weg führt in der Schweiz zudem über Geothermie und Häuser, die mehr Energie liefern als sie brauchen. Diese «Plusenergiehäuser» gibt es schon heute. Es spricht vieles dafür, Solarenergie «vor Ort» zu produzieren.

Nicht alle sind so optimistisch wie Sie. Ein schneller Atomausstieg ist für viele eine Träumerei.

Wüstenhagen: Es gibt in der Energiebranche viele langgehegte Grundüberzeugungen, die sich in der Vergangenheit bewährt haben. Seit einigen Jahren ist aber ein enormer Wandel im Gang. Wenn man's vertiefter anschaut, tun sich sehr viele Möglichkeiten auf. Positiv ist, dass es immer einfacher wird, Fortschritte zu sehen. Im Zug spiele ich oft ein Spiel mit meiner Tochter.

Was sieht man beim Vorbeifahren mehr: Rote Autos oder Solardächer? Das Verhältnis bewegt sich immer mehr zugunsten der Sonnenenergie. Zwischen Friedrichshafen und Ulm hält es sich schon heute die Waage, auf dem Weg von St. Gallen nach Zürich noch nicht. Auch das kann sich schnell ändern.

Interview: Ralf Streule

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