«Es braucht Integrationspläne»

Der Geschäftsführer der St. Galler Gemeinden, Roger Hochreutener, kritisiert den Kanton hart. Es genüge nicht mehr, nur Zentren für die minderjährigen Flüchtlinge zu betreiben. Die Situation sei komplexer.

Christoph Zweili
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Roger Hochreutener fordert ein ganzheitlicheres Konzept für unbegleitete junge Flüchtlinge. (Bild: Michel Canonica)

Roger Hochreutener fordert ein ganzheitlicheres Konzept für unbegleitete junge Flüchtlinge. (Bild: Michel Canonica)

Herr Hochreutener, Sie kritisieren, dass minderjährige unbegleitete Jugendliche im Asylzentrum Landegg untergebracht werden – das seien nicht die richtigen Strukturen für Jugendliche.

Roger Hochreutener: Die Durchmischung von Minderjährigen mit alleinreisenden Männern und Frauen geht nicht. Die Landegg ist auch sonst schon über den Kapazitätsgrenzen. Im Prinzip geht es aber nicht um die Landegg, sondern um ein Gesamtkonzept, was den Umgang mit jungen Flüchtlingen angeht. Das aktuelle Projekt fokussiert auf die Betreuung bis zur Mündigkeit und geht das Thema der Aufnahme, Begleitung und Integration nicht prozesshaft und ganzheitlich an.

Woran machen Sie das fest?

Hochreutener: Da sind Minderjährige auf der Flucht. Nach ihrer Ankunft in der Schweiz brauchen sie Ruhe, um wirklich anzukommen. Gemäss internationalen Studien sind über 70 Prozent der Jugendlichen traumatisiert. Wenn diese Traumata nicht rasch behandelt werden, wird das chronisch. Das weiss auch der Kanton. Dennoch hat er keinen spezialisierten Psychologen angestellt.

Die Gemeinden machen es besser als der Kanton?

Hochreutener: Die St. Galler Gemeinden haben das Thema längst erkannt, vor vier Jahren eine Klinik für Erwachsene aufgebaut und in der Gruppenunterkunft Thal sämtliche Therapieformen für erwachsene Flüchtlinge angeboten. Und sie haben zusätzlich auch ein spezielles Programm im Internatsbereich für Kinder und Jugendliche entwickelt. Diesen ganzheitlichen Ansatz konnten wir im Rahmen des Bundesprojektes für syrische Flüchtlinge einführen und verfeinern. Da ist grosses Know-how vorhanden.

Dieses Know-how wird nicht genutzt?

Hochreutener: Die St. Galler Gemeinden haben erfolgreich die Flüchtlinge medizinisch, psychologisch wie auch schulisch betreut und zwar sehr komplexe Fälle. Dabei wurden speziell auch die Rechte der jungen Flüchtlinge im Rahmen der UN-Kinderrechtskonvention gewahrt. Weil diese Kinder längere Zeit nicht mehr in geregelten Schulstrukturen waren, war es nicht einfach damit getan, ein Klassenzimmer zu möblieren. Die Kinder wurden individuell beschult, damit jedes nach seiner Leistungsfähigkeit rasch Anschluss fand an unser Schulsystem.

Das ist gelungen?

Hochreutener: Ja. Diese Schulsozialisierung hat dazu geführt, dass im Anschluss die Volksschulen diese Kinder besser und mit weniger Aufwand in den Regelstrukturen beschulen konnten. Die Erfahrungen waren durchwegs positiv. An diesen Ergebnissen ist allerdings kaum jemand interessiert – für den Bund zählt vor allem die Integrationsstatistik, für den Kanton das eigene Konzept. Da kann man schon verzweifeln.

Ist das Klima zwischen Kanton und Gemeinden vergiftet?

Hochreutener: Nein, nicht generell im Asylbereich. Aber da sind einfach zu viele Fragen nicht oder nicht richtig geklärt. Mit Erreichen der Volljährigkeit sind die Gemeinden für die Betreuung und Integration der Flüchtlinge zuständig. Die Schnittstellen beim Übergang in eine Berufslehre, in die Erwachsenenwelt, ins eigenständige Leben in einer Gemeinde, sind für den Kanton keine Themen. Für die Gemeinden sind aber gerade diese Punkte von zentraler Bedeutung.

Wie zeigt sich das in der Praxis?

Hochreutener: Bis zum 18. Geburtstag sind die jungen Flüchtlinge wohlbehütet, dann werden sie vor die «Tür des Sozialamts» gestellt. Die Verantwortlichen von Kanton und Gemeinden haben vor drei Jahren ein ganzheitlicheres Konzept für diese Übertrittsfragen skizziert – umgesetzt wurden aber nur Teile davon.

Nicht alles läuft schief: Der Zürcher Erziehungswissenschafter Jürgen Oelkers hat vor fünf Monaten im Auftrag der St. Galler Gemeinden in vier Asylzentren des Kantons St. Gallen ein Gutachten gemacht. Das Ergebnis: Die Zentren unterrichten gut.

Hochreutener: Das stimmt. Es gab aber auch Verbesserungsvorschläge und Kritikpunkte für alle Schulen, also Hausaufgaben für beide Betreiber. Gerade im «Thurhof», der wie das Zentrum Landegg vom Migrationsamt des Kantons St. Gallen betrieben wird, seien pädagogisch nicht ausgebildete Lehrkräfte eingestellt worden. Oft stünden die Jugendlichen nach dem Verlassen der Einrichtung «vor dem Nichts», sagt Oelkers.

Wer vertritt die minderjährigen Jugendlichen bis zur Volljährigkeit vor dem Gesetz?

Hochreutener: Nur ein Bruchteil der 144 minderjährigen Asylbewerber im Kanton hat einen Beistand. Das ist juristisch nicht korrekt. Es braucht jemanden, der ihre Interessen uneingeschränkt und auch ausserhalb der Zentrumsstrukturen vertritt. Darauf haben sie ein Anrecht gemäss dem Schweizerischen Zivilgesetzbuch. Der Kanton St. Gallen kennt aber nur die Unterstützung durch Bezugspersonen innerhalb der Zentren.

Immerhin gibt es Bezugspersonen.

Hochreutener: Ja. Diese Personen sind aber beim Kanton angestellt und somit nicht unabhängig in der Arbeit mit den Kindern im Zentrum, bei Spezialplazierungen oder den Anschlusslösungen in den Gemeinden. Dafür ist die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde zuständig am Wohnsitz der Kinder, also für den «Thurhof» die Kesb Wil und Umgebung. Der Kanton will nun im Budget 2016 den Kredit einholen für eigene Berufsbeistände, was nicht der richtige Ansatz ist für diese Fragestellungen im Kindesschutz.

Sie lassen fast kein gutes Haar am Kanton. Was verlangen Sie konkret?

Hochreutener: Hier geht es nicht um die Befindlichkeiten von Kanton oder Gemeinden, sondern um besonders verletzliche junge Menschen! Die jungen Flüchtlinge haben ein Anrecht auf einen Beistand und die Prüfung der Anträge durch die Kesb – heute schon und nicht erst mit der Asylgesetzrevision 2019. Ferner sind solche spezialisierte Heime mit der ausreichenden Platzzahl zu betreiben, damit es nicht laufend zu Umplazierungen kommt. Für die Jugendlichen sind stabile Betreuungssituationen wichtig.

Gibt es keine Heimaufsicht, die gerade darauf achtet?

Hochreutener: Jedes Kinderheim im Kanton ist der Heimaufsicht unterstellt. Diese staatliche Behörde stellt sicher, dass alles korrekt läuft. Nun gibt es aber Heime, die per Verordnung von dieser Staatsaufsicht ausgenommen sind. Dazu gehört etwa das Jugendheim Platanenhof in Oberuzwil – oder die vom Kanton geführten Asylzentren. Es kann doch nicht sein, dass sich der Kanton als Betreiber des Heimes selber kontrolliert und die Fachstellen ausgeklammert sind?

Was müsste man denn bei der Integration besser machen?

Hochreutener: Die jungen Flüchtlinge verfügen über Ressourcen, wie unsere Jugendlichen auch. Fühlen sie sich erst einmal sicher und ist die Gesundheit stabil, dann lernen sie rasch Deutsch. Das Ziel muss sein, möglichst viele eine Berufslehre abschliessen zu lassen oder eine Lehre mit Berufsattest. Nur so fassen sie später auf dem Arbeitsmarkt als Fachkräfte auch Fuss und sei es auch erst mit 21 oder 22 Jahren. Das ist nicht zu erreichen, indem wir die Jugendlichen in den Asylzentren betreuen und mit 18 Jahren die Betreuungssituation wechseln. Es braucht Integrationspläne mit klaren Zielvorgaben – und das nicht nur bis zur Volljährigkeit.

Das wird mehr Geld kosten als heute zur Verfügung steht.

Hochreutener: Wenn der Kanton die unbegleiteten Minderjährigen weiterhin betreuen will, muss er wesentlich mehr Mittel zur Verfügung haben. Während fünf Jahren nach Einreise in die Schweiz fliessen allerdings Bundesgelder für die Flüchtlinge. Diese reichen bei einem solchen ganzheitlichen Jugendprogramm aber niemals aus.

Wie viel Geld braucht es denn?

Hochreutener: Das ist nicht in erster Linie die Frage. Wichtiger ist, dass koordiniert, prozesshaft und zielgerichtet gearbeitet wird. Da liegt der etwas andere Ansatz des Konzeptes der Gemeinden. Der Vorteil des Systems tritt eben erst dann ein, wenn die jungen Menschen in Arbeit und Gesellschaft integriert sind. Die Konsequenz bei missglückter Integration wäre eine Langzeitabhängigkeit von der Sozialhilfe, was wohl niemand als taugliche Perspektive für die Jugendlichen sehen kann.