«Es braucht ein Gleichgewicht»

Ein geringer Stellenwert des öV und wenige Restriktionen beim Autoverkehr: Das sind laut einem Experten mögliche Gründe für die Verkehrssituation in St. Gallen. Ein Rolle spiele auch die Siedlungsstruktur der Agglomeration.

David Gadze
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Im Städtevergleich «Mobilität» wurde das Verkehrsverhalten in den sechs grössten Deutschschweizer Städten untersucht (Tagblatt vom Dienstag). Dabei fiel auf, dass keine der fünf anderen Städte einen so hohen Anteil von motorisiertem Individualverkehr (MIV) an der Verkehrsmittelnutzung hat wie St. Gallen mit 38 Prozent. Allgemein zeigte sich, dass auch in den anderen beiden mittelgrossen Städten Winterthur und Luzern der MIV eine grössere Rolle spielt als der öffentliche Verkehr (öV). In Zürich, Bern und Basel, die dichter besiedelt sind, ist es gerade umgekehrt. «Es ist in der Regel so, dass der öV umso mehr genutzt wird, je dichter eine Stadt besiedelt ist», sagt Ulrich Weidmann vom Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme an der ETH Zürich.

ÖV-Kultur schwach ausgeprägt

Wie die Studie ausserdem aufzeigt, hat St. Gallen das dichteste ÖV-Netz der sechs Städte. Gleichzeitig haben in der Gallusstadt – ähnlich wie in Winterthur und Luzern – jedoch nur 27 Prozent der Bevölkerung ein GA oder ein Abo der örtlichen Verkehrsbetriebe. In Zürich und Basel sind es mehr als 50 Prozent, in Bern gar 68 Prozent. «Ich habe den Eindruck, dass in St. Gallen die ÖV-Kultur nicht so stark ausgeprägt ist. Das dürfte auch ein Grund für den tiefen Abo-Anteil sein», sagt Weidmann, der mit den hiesigen Verhältnissen vertraut ist.

Ein gut verankerter öV hänge hauptsächlich vom Zusammenspiel von vier Faktoren ab: «Einerseits braucht es eine hohe Angebotsqualität. Also ein gutes Liniennetz, einen attraktiven Fahrplan und komfortable Umsteigemöglichkeiten», sagt Weidmann. Zum zweiten müsse der öV einen Stellenwert im Leben der Bevölkerung haben und nicht bloss als Transportangebot verstanden werden. In diesem Punkt bestehe in St. Gallen noch einiges Potenzial.

In Zürich etwa habe man während der vergangenen 30 Jahre konsequent und ohne Unterbruch daran gearbeitet. «Ein gutes Image allein reicht nicht. Der öV muss als Teil des Lebensraumes verankert werden.» Eine solche Kulturveränderung brauche jedoch Zeit, sagt Weidmann. Er spricht gar von einem «Generationenprojekt».

Privater Verkehr als Hauptpunkt

Als dritten Punkt führt Weidmann die Verkehrspolitik an. «Der private Verkehr ist die bestimmende Grösse. Solange man ihm eine entsprechende Infrastruktur und insbesondere Parkplätze anbietet, ist der öV stets im Nachteil.» Um ihn zu fördern, reiche es daher nicht, das Angebot auszubauen. Gleichzeitig brauche es den politischen Willen, den Individualverkehr restriktiver zu behandeln, etwa durch die Streichung von Parkplätzen. Zürich habe die Stärkung der ÖV-Stellung nur durch eine gleichzeitig restriktive MIV-Politik «an der Grenze des demokratisch Tragbaren» erreicht. Allerdings sei das nur mit einem gleichzeitigen Ausbau der S-Bahn und einem entsprechend grösseren politischen Spielraum für Restriktionen möglich gewesen. «Das war ein wahnsinniger Kraftakt mit Milliardeninvestitionen», sagt Weidmann. In der Limmatstadt sei der Pendlerverkehr auch darum seit 1990 kaum gewachsen. Es brauche somit ein Gleichgewicht zwischen öV und MIV, das regelmässig politisch justiert werden müsse.

«Es setzt dadurch eine Kettenreaktion ein: Wird die Anzahl Parkplätze pro Einwohner reduziert, so erhält der öV eine stärkere Stellung. Die steigende Nutzung ermöglicht einen Angebotsausbau, was den öV wiederum attraktiver macht», sagt Weidmann.

Viertes Element einer öV-orientierten Verkehrspolitik sei die Raum- und Stadtplanung, mit einer Verdichtung entlang der Hauptachsen und einer Auszonung an der Peripherie.

Keine Alternative zum Auto

Er könne nur vermuten, warum der MIV-Anteil in St. Gallen so hoch sei, sagt Ulrich Weidmann. «Ein Grund könnte sein, dass man aus der Agglomeration, beispielsweise aus dem Appenzellerland, relativ problemlos und schnell ins Stadtzentrum fahren kann.» Zudem gebe es in der Innenstadt einige Parkhäuser. «Ich war erstaunt, mit welcher Gelassenheit man in St. Gallen über neue Parkhäuser diskutiert.»

Weidmann gibt jedoch zu bedenken, dass das Umland teilweise durch Streusiedlungen gekennzeichnet sei, wo der öV kaum eine Alternative zum Auto darstellen könne. Schliesslich sei es bei der Struktur der Stadt mit ihrer Längsform schwierig, mit dem Bus wettbewerbsfähige Querverbindungen zu schaffen.