«Erziehungsrat ignoriert uns»

Der Erziehungsrat hat Anfang Juli erste Massnahmen für die Zukunft der Oberstufe beschlossen. Allerdings bleiben diese freiwillig und für die Stadt nicht umsetzbar. Schuldirektorin Barbara Eberhard kritisiert die Verantwortlichen scharf.

Drucken
Teilen
Die städtische Oberstufe hat viel weniger Sek- als Realschüler. (Archivbild: Hannes Thalmann)

Die städtische Oberstufe hat viel weniger Sek- als Realschüler. (Archivbild: Hannes Thalmann)

Frau Eberhard, der Erziehungsrat arbeitet an einer Oberstufenreform, die 2012 in Kraft treten soll. Welche Konsequenzen haben die kürzlich gefällten Grundsatzentscheide für die städtischen Schulen?

Barbara Eberhard: Im allgemeinen leider überhaupt keine, bis auf eine kleine Anpassung des Lehrplans. Ich bin über die Entscheide des Erziehungsrates schwer enttäuscht. Jetzt wäre der Moment gewesen, die Oberstufe auf den Weg einer zeitgemässen Pädagogik zu schicken. Stattdessen bleiben alle vorgeschlagenen Massnahmen freiwillig.

Die Anliegen der ländlichen Oberstufen wurden weitgehend berücksichtigt, während wir uns als Hauptstadt und grösste Schulgemeinde des Kantons momentan vom Erziehungsrat überhaupt nicht wahrgenommen fühlen. Notwendige pädagogische Forderungen werden nicht umgesetzt.

Inwiefern fühlen Sie sich alleingelassen?

Eberhard: Wir haben in St. Gallen die Flade, eine Kantonssekundarschule, die nach wie vor nur Sekundarschüler aufnimmt.

Im vergangenen Schuljahr hatten wir in der städtischen Oberstufe deshalb 781 Realschüler und lediglich 578 Sekundarschüler. Solange wir einen solchen Überhang an Realschülern haben, sind die vorgeschlagenen gemeinsamen Niveaugruppen mit den Sekundarschülern für mindestens 300 Realschüler nie durchführbar, weder räumlich noch inhaltlich.

Dabei wären wir sehr interessiert, verfolgen wir doch mit dem Förderkonzept ebenfalls die Ziele einer kooperativen und integrativen Pädagogik. Doch solange – auch für die Flade – keine verbindlichen Entscheide fallen, sind uns die Hände gebunden.

Können Sie gewisse Vorhaben nicht auch ohne erziehungsrätlichen Segen durchführen?

Eberhard: Die Umsetzung des Förderkonzepts startet mit diesem Schuljahr. Alle Lehrpersonen und Teams auf Primar- und Oberstufe werden dieses innerhalb weniger Jahre umsetzen.

Die Entwicklung in den Primarschulhäusern ist momentan mehr als erfreulich und wird den Prozess noch beschleunigen. Wir können und wollen nicht ein Kind auf der Primarstufe in die Regelklasse integriert beschulen und dann in der Oberstufe wieder – wie seit Jahrzehnten – in verschiedenen Klassentypen und Schulen separieren. Wir sind eine einzige Volksschule, also machen wir uns in der Stadt alle gemeinsam auf – auch die Oberstufe. Aber Entscheide, welche die Flade betreffen, können nur die Flade selber oder der Kanton fällen.

Und für weitergehende Neuerungen braucht es wie gesagt verbindliche Vorgaben vom Erziehungsrat, aber auch von der Regierung. Die Forderungen der Wissenschaft, der Sozialpartner, der Schulträger und des kantonalen Lehrerverbandes sind klar und einheitlich. Die Folgerungen der pädagogischen Behörde sind dagegen praktisch gleich null.

Wie sähe in Ihrer Vorstellung die Oberstufe in zehn Jahren aus?

Eberhard: Ich hoffe sehr, dass es dann nur noch echte Oberstufenzentren und keine reinen Realschulen mehr gibt. Jedes Kind geht vom Kindergarten bis in die neunte Klasse mit allen anderen Kindern in möglichst wenig getrennte Klassen zur Schule und wird dort intensiv gefördert und gemäss individuellen Stärken und Schwächen auch gefordert.

Leitplanken von oben sind das eine. Wie viel Gestaltungsfreiheit braucht jede einzelne Schule bei der Umsetzung von Reformen?

Eberhard: Es braucht für jede Schule einen Gestaltungsfreiraum. Wir möchten diesen den Stadtschulen und ihren Teams, auch deren Umfeld entsprechend, zur Verfügung stellen. Ziel ist immer, die Kinder optimal auszubilden und auf die nächste Stufe vorzubereiten. Die städtischen Schulen gehen auf den integrativen Weg. Das heisst aber nicht, dass alle dasselbe zur gleichen Zeit machen müssen.

So haben wir bereits in einigen Primarschulhäusern integrative Schulformen, davon eine mit altersdurchmischten Klassen auf der ganzen Primarstufe. Andere führen Doppelklassen. Zudem gibt es in diesem Jahr nicht eine erste Kleinklasse.

Wie anstrengend ist es eigentlich für Sie, Schulreformen durchzuführen, oft auch gegen Widerstände?

Eberhard: Es braucht viel Kraft, das gebe ich offen zu. Aber wenn etwas gelingt, ist die Freude umso grösser.

Was einzelne Primarschulhäuser im Moment machen, das geht nun viel weiter, als ich es für den jetzigen Zeitpunkt jemals zu hoffen wagte. Das gibt jedes Mal neue Motivation und Hoffnung, gemeinsam etwas verändern zu können.

Interview: Odilia Hiller

Barbara Eberhard Stadträtin Direktion Schule und Sport

Barbara Eberhard Stadträtin Direktion Schule und Sport

Aktuelle Nachrichten