ERLEBNISBERICHT: Hoffnung und Brutalität auf dem Mittelmeer

Noëmi Landolt war mit der «Sea-Watch 2» auf dem Mittelmeer, um Flüchtlinge zu retten. Die Sanktgallerin erlebte, wie Flüchtlinge vor ihren Augen ertranken.

Nina Rudnickit
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Die «Sea-Watch 2» bei ihrem Einsatz auf dem Mittelmeer. (Bild: Judith Büthe/PD)

Die «Sea-Watch 2» bei ihrem Einsatz auf dem Mittelmeer. (Bild: Judith Büthe/PD)

Nina Rudnickit

stadtredaktion@tagblatt.ch

Die St. Gallerin Noëmi Landolt berichtete im Frühling aus Idomeni, als an der mazedonisch-griechischen Grenze Hunderte Flüchtlinge für die Grenzöffnung demonstrierten. 9000 Menschen harrten dort in einem Lager, in dem es eigentlich nur für 2000 Platz gab. Landolt dokumentierte die prekären Lebensumstände, sprach mit Familien, die im Regen schlafen mussten und mit Männern, die Verletzungen von den Tränengaspetarden der Grenzpolizisten hatten. «In Idomeni manifestiert sich das Scheitern der europäischen Flüchtlingspolitik am deutlichsten», schrieb die WOZ-Journalisten damals in ihrem Blog.

Bei ihrem jüngsten Einsatz war Landolt zwei Wochen mit der «Sea-Watch 2» unterwegs, einem Schiff, das im Mittelmeer Flüchtlinge rettet. Fast täglich schrieb sie einen Blogeintrag. Auch über die Nacht, in der sie miterlebte, wie die libysche Küstenwache ein Flüchtlingsboot zum Kentern brachte und Menschen ertranken. «Ich habe keine Flashbacks, im Moment funktioniert alles gut. Nach dem Einsatz auf der «Sea-Watch» war ich einfach mehrere Tage sehr erschöpft und habe auch mit einer Psychologin gesprochen», erzählt sie beim Treffen in einem Café nahe der Zürcher Langstrasse. Sie überlegt lange, bevor sie die Frage beantwortet, welches ihre stärkste Erinnerung sei. Dann sagt sie: «Das ist nicht jene an diese schreckliche Nacht, sondern die an dem Vormittag, als wir unser letztes Boot bargen.» Die Geretteten seien so glücklich gewesen, dass sie tanzten und sangen. «Ich war tief beeindruckt, wie man nach all den traumatischen Erlebnissen noch so viel Energie und Lebensfreude haben kann.»

«Es muss um die Menschen gehen»

Der Kontakt und die Begegnungen mit den Menschen vor Ort motivieren die 34-Jährige immer wieder aufs Neue, an die europäischen Aussengrenzen und zu den Sackgassen der Asylpolitik zu reisen. «Ausserdem ist das eines der Themen, das die Medien dominiert. Nur wird in den oftmals abstrakten und unpersönlichen Darstellungen vergessen, dass es um Menschen geht. Das darf nicht passieren», sagt sie. «Wir sind Europa im Jahr 2016. Und in Idomeni ist man nicht in der Lage, kurzfristig Zelte für 3000 Menschen in den Camps auf­zubringen, während am OpenAir 30000 Zelte stehen.» Diese Diskrepanz erschüttere sie. Als sie die Anfrage bekam, ob sie auf der «Sea-Watch» mitfahren wolle, sagte sie daher spontan sofort zu.

Seit über zehn Jahren engagiert sich Noëmi Landolt für Flüchtlinge und schreibt über Asylpolitik. Als anfangs 20-Jährige begann sie sich für das Thema zu interessieren. Nach der Matura an der Kanti Burggraben hatte sie sich in der St. Galler Gruppe «Aktiv unzufrieden» engagiert und sich gegen das Vermummungsverbot und Wegweisungen eingesetzt. Zeitgleich machte sie ein Praktikum beim St. Galler Tagblatt, wechselte später zum Kulturmagazin Saiten und schrieb als freie Journalistin häufig für die WOZ, bei der sie seit drei Jahren fest angestellt ist.

In Zürich studierte sie Ethnologie und Politikwissenschaft und lernte Mitglieder der Menschenrechtsgruppe «Augenauf» kennen. Gemeinsam eröffneten sie ein Flüchtlingscafé und organisierten Besuche in Ausschaffungsgefängnissen. «Neben der Angst vor der Ausschaffung macht dort vielen Menschen die erfahrene Ungerechtigkeit zu schaffen», sagt sie. «Viele haben ja keine Straftat in dem Sinn begangen. Dass sie nun im Gefängnis sind, ist für sie unverständlich.» Auf der «Sea-Watch» war dieses Wissen bedrückend. «Wir konnten viele Menschen vor dem Ertrinken retten. Doch die wenigsten erwartet in Europa ein würdevolles Leben.»

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