Erika Forster

«Es trifft sich gut, dass meine vier Kinder alle im Grossraum St. Gallen wohnen», sagt Erika Forster. Denn ihre Kinder haben inzwischen selber Nachwuchs in die Welt gesetzt und sagen ebenfalls: «Es trifft sich gut.

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«Alles war weg»: Erika Forster in der Chocolaterie am Klosterplatz. (Bild: Luca Linder)

«Alles war weg»: Erika Forster in der Chocolaterie am Klosterplatz. (Bild: Luca Linder)

«Es trifft sich gut, dass meine vier Kinder alle im Grossraum St. Gallen wohnen», sagt Erika Forster. Denn ihre Kinder haben inzwischen selber Nachwuchs in die Welt gesetzt und sagen ebenfalls: «Es trifft sich gut.» Und so kommt es, dass sechs und bald sieben Enkel im Alter bis fünfeinhalb Jahre den Alltag der früheren Ständerätin beleben.

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So rasch dürfte der Grossmutter diese Aufgabe nicht über den Kopf wachsen. Schliesslich könnte sie, schlank und rank wie eh und je, als Mutter ihrer Enkelkinder durchgehen. Die 1944 in Zürich geborene St. Gallerin wirkt entspannt, und hinter ihrer sanften und doch bestimmten Art ist die Energie zu ahnen, mit der sie nach 38 Jahren politischer Aktivität ihr neues Leben füllt. Es war für sie nach dem Abschied aus der Politik vor bald zwei Jahren tatsächlich ein Schritt in ein neues Leben: «Es war wie wenn ich von 130 auf 0 gesunken wäre. Ich war bis zuletzt voll beschäftigt und hatte noch alle Kontakte laufen. Und dann bricht von einem Tag auf den andern alles weg…» Das Mandat in Bern beanspruchte die Hausfrau und Mutter zu 70 bis 80 Prozent. Nun ist das Haus oben auf dem Kammelenberg in St. Georgen zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden. «Um jetzt mitten am Tag einfach die Zeitung zu lesen, dafür hätte ich Hemmungen», sagt Erika Forster. «Ich musste mir auch erst wieder einen Freundeskreis aufbauen.» Fern von einer Sinnkrise wurde sie von ihren früheren Kolleginnen mit offenen Armen aufgenommen. In der Stiftung Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst St. Gallen (KJPD) und der Stiftung für Landschaftsschutz ist sie weiterhin im Stiftungsrat tätig. Vor kurzem wurde sie in den Stiftungsrat Kinder der Krebsforschung Schweiz gewählt. Zwei bis drei Verwaltungsratsmandate seien dazugekommen.

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Erika Forster hatte eine in der Politik seltene Art, einem Gegner auch einmal etwas zuzugestehen. Das steigerte ihre Sympathie von links bis rechts. «Unideologisch, sachorientiert, fleissig, gradlinig, zuverlässig, hartnäckig.» So wurde sie gemäss «Tages-Anzeiger» von politischen Weggefährten charakterisiert. «Es kommt darauf an, wie die Menschen aufeinander zugehen», sagt dazu Erika Forster. Primär haben ihre Akribie und ihre vielseitigen Interessen den Aufstieg beschleunigt. Sie war die erste Präsidentin im Stadtparlament (1982), die zweite im Kantonsparlament (1994) und die dritte im Ständerat (2010). Sie wurde, wie sie gesteht, auch in Kommissionen gewählt, deren Thematik nicht ihr Hobby war. Die FDP-Politikerin war offen für alles und alle.

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«Solche Offenheit zu pflegen war früher einfacher», sagt Erika Forster. «Da konnte man von Parteigrundsätzen auch mal abweichen und Kompromisse finden.» So als es darum ging, in St. Gallen ein Frauenhaus zu gründen. Sie hatte zudem Themen wie Blockzeiten, Mittagstisch und Tagesschule früh – vielleicht «zu früh», wie sie meint – aufs Tapet gebracht oder parteiübergreifend unterstützt. Heute werde diese Art zu politisieren als Schwäche ausgelegt. Weil die Themen immer komplexer seien, werde auch häufiger strikt der Parteilinie entlang politisiert, sagt Erika Forster. Tragfähige Mehrheiten seien so schwierig zu finden. Immerhin sei für sie die politische Partnerschaft mit Eugen David – Stichwort Zweierticket – von Vorteil gewesen, wenn es im «Stöckli» um kantonale und regionale Anliegen gegangen sei: zum Beispiel um den Standort des Bundesverwaltungsgerichts. Höhepunkt ihrer Präsidialzeit im Ständerat war die Reise mit einer Delegation des Rates in die Türkei, wo sie unter anderen von Mehmet Ali Sahin, dem Präsidenten der Grossen Nationalversammlung des Landes, empfangen wurde. Die Mission galt nach der Einführung des Minarettverbots in der Schweiz als besonders heikel.

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Heute politisiert Erika Forster immer noch engagiert daheim in der guten Stube, natürlich mit ihrem Ehemann Ueli Forster. «Doch öffentlich mache ich keinen Pieps mehr.» Auch von der Politbühne des Bundeshauses hält sie sich fern. Ein Buch schreiben? «Ich doch nicht. Dafür gibt es andere, die dafür eher berufen sind.» Es war wohl auch ihre Bescheidenheit in Verbindung mit Qualität, die sie in den Worten von Bundesrätin Simonetta Sommaruga «zu einer Ausnahmeerscheinung» gemacht hat. Fredi Kurth