Erich Gmünder

Er ist Chefredaktor von zwei Zeitungen. Darunter die «letzte unabhängige Zeitung der Ostschweiz», sagt er. Wer kann das schon von sich behaupten. Der St. Galler Journalist Erich Gmünder leitet seit einem Jahr die Redaktion der «Tüüfner Poscht».

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Langzeitjournalist Erich Gmünder im Café Zentrum. (Bild: Urs Jaudas)

Langzeitjournalist Erich Gmünder im Café Zentrum. (Bild: Urs Jaudas)

Er ist Chefredaktor von zwei Zeitungen. Darunter die «letzte unabhängige Zeitung der Ostschweiz», sagt er. Wer kann das schon von sich behaupten. Der St. Galler Journalist Erich Gmünder leitet seit einem Jahr die Redaktion der «Tüüfner Poscht». Die Dorfzeitung meint er auch mit der «letzten unabhängigen Zeitung». Sie finanziert sich zu zwei Dritteln aus Inseraten und zu einem Drittel aus Steuergeldern der Gemeinde Teufen – die dafür pro Ausgabe vier Seiten für Amtsmeldungen erhält – und bietet Teufnerinnen und Teufnern zehnmal im Jahr unentbehrlichen Lesestoff aus ihrem Ort.

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Das andere Blatt heisst «Riethüsli – Magazin fürs Nest» und soll die professionellste und schönste Quartierzeitung der Stadt St. Gallen sein, heisst es. Die Redaktionsleitung leistet der Vollblutjournalist ehrenamtlich. Langsam wird es ihm ein bisschen viel, sagt der 57-Jährige. Ein bis zwei Wochen gehen drauf pro Ausgabe der «Riethüsli-Zeitung», die dreimal im Jahr erscheint. Zurzeit schlägt sein Herz aber noch für eine andere Sache: die St. Galler Bibliotheks-Initiative, wo er für das Initiativkomitee die Kommunikation bestreitet.

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Im Café Zentrum am Marktplatz, wo er seit Jahren treuer Stammkunde von Ernst Vogel und seinen 1000 Zeitschriften ist, erzählt er mit funkelnden Augen, warum er «lustvoll und mit Freude» für eine neue St. Galler Zentralbibliothek kämpft. «Die Bibliothek könnte ein einmaliger Treffpunkt für alle werden – alt, jung, reich, arm.» Die Bibliothek als Magnet, so niederschwellig «wie ein Einkaufszentrum». Davon träumt er, auch für sich: «Im Jahr 2019, wenn ich pensioniert werde, will ich dort Kaffee trinken, Zeitung lesen und diskutieren.» Die «offensichtliche Dummheit», mit der das Projekt Hauptpost-Bibliothek vom Kanton zum Absturz gebracht worden sei, habe ihm wehgetan. «Eine Bibliothek für alle ist doch mindestens so wichtig wie ein Stadion.» Dass ausgerechnet die Mitteparteien das zum Teil nicht sähen, empört das einstige CVP-Mitglied.

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Das «Feu sacré», das einen brauchbaren Journalisten durchs Berufsleben begleitet, hat ihn in den letzten 30 Jahren in der Ostschweiz fast überallhin geführt: zur untergegangenen Tageszeitung gleichen Namens, zum mittlerweile umgetauften Radio aktuell, zum Regionaljournal von DRS 1 und, als Ostschweiz-Korrespondent, zum Schweizer Fernsehen. Bei näherer Betrachtung fehlt dem Print-, Radio- und Fernsehjournalisten nur ein massgeblicher regionaler Arbeitgeber auf der Liste: Das Tagblatt ist der grosse Abwesende in Gmünders Berufsbiographie. Die Feststellung entlockt ihm ein lautes Lachen: «Ich hätte das Gefühl gehabt, meine Seele zu verkaufen, wäre ich als ehemaliger <Ostschweiz>-Journalist zum Tagblatt gegangen.» Womit er unweigerlich wieder bei der Unabhängigkeit landet.

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Die Freude am selbständigen, freien Arbeiten erklärt in Teilen auch den einigermassen originellen Karriereschritt vom Redaktor des Schweizer Fernsehens zum Redaktor einer Appenzeller Dorfzeitung. «Ich werde oft gefragt, warum ich das gemacht habe.» Die Rückkehr zu seinen Wurzeln als Lokaljournalist – einst in Gossau – bedeute für ihn auch die Rückkehr zu dem, was er wirklich gerne mache. «Draussen bei den Leuten bin ich wie ein Fisch im Wasser, wenn ich ihren Geschichten zuhöre.» Beim Fernsehen wurden jeweils um die fünf Sätze aus den Geschichten. Jetzt darf er sie wieder ganz niederschreiben. «In die Tasten hauen», sagt er. Und einen handfesten Beitrag zur Identitätsfindung der Teufner und Riethüsler leisten.

Odilia Hiller

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