ERFOLGSFAKTOREN: Stadträte, die in Erinnerung bleiben

Einige Kandidierende sind bei Stadtratswahlen erfolgreicher als andere. Einige Mitglieder der Stadtregierung bleiben erfolgreicher als andere in Erinnerung. Es ist gar nicht so einfach, objektive Faktoren für Wahl- und Regierungserfolge zu definieren.

Reto Voneschen
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Stadtvater: Heinz Christen (SP) sass ab 1974 in der Stadtregierung, 1981 bis 2004 war er Stadtammann. Er gilt als vorbildlicher kommunaler «Finanzminister». (Bild: Trix Niederau (25.3.2004))

Stadtvater: Heinz Christen (SP) sass ab 1974 in der Stadtregierung, 1981 bis 2004 war er Stadtammann. Er gilt als vorbildlicher kommunaler «Finanzminister». (Bild: Trix Niederau (25.3.2004))

Reto Voneschen

reto.voneschen@tagblatt.ch

Am 24. September geht es um den Sitz des auf Ende Jahr zurücktretenden CVP-Stadtrats Nino Cozzio. Wieder einmal dreht sich also das Kandidatenkarussell für die St.Galler Stadtregierung. Wieder einmal suchen die Parteien Kandidatinnen und Kandidaten für das anspruchsvolle Exekutivamt (siehe Kasten). Wieder einmal steht die Stadt vor einem Wahlkampf, in dem sicher die Qualität der zur Auswahl stehenden Kandidatinnen und Kandidaten ein Diskussionspunkt sein wird. Aber was macht einen guten Stadtrat, eine gute Stadträtin aus?

In erster Linie wählt man die, die einem politisch nahestehen

Dass die Parteien diese Frage im Wahlkampf relativ einfach und subjektiv beantworten, liegt in der Natur der Sache: Die beste Kandidatur ist immer die eigene oder jene der Partei, mit der man gerade ein Wahlbündnis eingegangen ist. Ähnlich werden viele Wählerinnen und Wähler beim Ausfüllen ihres Zettels entscheiden: Eine Kandidatin oder ein Kandidat gefällt, weil sie oder er in wichtigen Fragen gleich oder ähnlich tickt. Umgelegt auf die aktuelle Stadtratsersatzwahl könnte das heissen: Ein Christdemokrat, der in sozialen Fragen «das Herz auf dem richtigen Fleck hat», kann durchaus damit rechnen, bei gemässigten SP-Mitglieder zu punkten, während eine eher wirtschaftsorientierte Grünliberale bei vielen von ihnen durchfallen kann – trotz Zugehörigkeit zum links der Mitte anzusiedelnden grünen Block und trotz Geschlecht.

Exekutivwahlen sind allerdings immer auch Persönlichkeitswahlen. Der politische Standort eines Kandidierenden allein reicht in der Stadt St. Gallen je länger je weniger für eine Wahl in den Stadtrat aus. Konnte sich bis vor rund einem Jahrzehnt ein Kandidat von CVP oder FDP noch sicher sein, aufgrund der Kräfteverhältnisse unter den Parteien gewählt zu werden, haben sich inzwischen die Verhältnisse verschoben: Keine Partei allein kann einen Stadtratssitz besetzen, alle brauchen dafür nicht nur ihre eigene Partei geschlossen hinter sich, sondern Unterstützung über ihren eigenen Block hinaus. Und die Konkurrenz gerade auch im Bürgerblock ist schärfer geworden. Dies mit dem Erstarken der SVP, die seit 2000 versucht, ihren Sitzanspruch im Stadtrat durchzusetzen. Keine Partei kann heute ihren Kandidierenden eine «Wahl im Schlafwagen» bieten. Jeder, der sich auf einen Wahlkampf einlässt, steigt in eine Ausmarchung, aus der er als Verlierer hervorgehen kann. Das macht die Suche nach Stadtratskandidatinnen und Stadtratskandidaten nicht wirklich einfacher. Als wäre die Aufgabe nicht schon schwer genug angesichts etwa der Gehälter, die Führungskräften in Teilen der Privatwirtschaft heute gezahlt werden.

Festlegung der Erfolgsfaktoren ist keine exakte Wissenschaft

Bereits diese Hinweise zeigen, dass die einleitende Frage, was ein idealer Stadtratskandidat mitbringen muss, sich objektiv nicht wirklich abschliessend beantworten lässt. Bereits für die Wahlchancen eines Kandidierenden sind viele, teils von ihm und seiner Partei gar nicht beeinflussbare Faktoren ausschlaggebend. Und dafür, dass jemand nach einer Wahl im Amt erfolgreich wirken wird, gibt es sowieso keine Garantie. In diesem Sinn ist auch die Auswahl obenstehender Porträtbilder eines Stadtammanns und dreier Stadtratsmitglieder, die in Erinnerung bleiben werden, keinesfalls ein abschliessendes Urteil, sondern auch nur eine subjektive Auswahl.

Allerdings gibt es schon Eigenschaften, die jemanden zu einem stärkeren Stadtratskandidaten als andere machen. Wobei vieles mit ausgewogener Persönlichkeit, Charakter und Lebenserfahrung zu tun hat, also mit Dingen, die man hat. Oder eben auch nicht. Zu den positiven Eigenschaften erfolgreicher Kandidatinnen und Kandidaten für den Stadtrat zählen sicher gesunder Menschenverstand und die Fähigkeit, auf andere Menschen zugehen, ihnen zuhören, mit ihnen zusammenarbeiten und vor allem auch mit ihnen reden zu können. Ebenfalls von Vorteil ist die Fähigkeit, ein Thema kritisch, seine Direktion und sich selber bisweilen selbstkritisch anschauen zu können. Bodenhaftung, Vorstellungskraft, Gestaltungswille, Prinzipientreue, Hartnäckigkeit, Selbstvertrauen und auch Durchsetzungskraft sind sicher kein Nachteil. Je mehr dieser Eigenschaften ein Kandidat, eine Kandidatin mitbringt, je ausgewogener die Mischung ist, desto besser.

Ohne politische Erfahrung geht es in der Regel nicht

Erfahrung in einer Führungsposition wird häufig auch als Voraussetzung für ein erfolgreiches Exekutivmitglied angeführt – und fälschlicherweise oft automatisch mit Führungserfahrung in einem Unternehmen gleichgesetzt. Erfahrungen irgendwelcher Art in der Personalführung, im Umgang mit anderen Menschen ist für ein Regierungsmitglied sicher nie schlecht. Mindestens ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger ist für ein Stadtratsmitglied allerdings praktische politische Erfahrung. Nicht umsonst sind Drahtzieher in einem Parlament – also Leute, die Päcklein über Parteigrenzen hinweg schnüren können – später oft auch in einem Exekutivamt erfolgreich. Volksnähe und Bodenhaftung helfen zwar, um Prob­leme zu sehen, Voraussetzung fürs Amt sind sie aber nicht. Populär muss ein St. Galler Stadtrat sowieso nicht sein, damit er geschätzt wird: Auch kantige und unbequeme Persönlichkeiten wurden in der Vergangenheit jeweils gut wiedergewählt, wenn «das Volk» den Eindruck hatte, sie oder er mache einen guten Job.

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