Er konnte sich ins Feuer reden

Der amtsälteste Stadtparlamentarier verabschiedet sich. SVP-Mann Michael Keller hat sich in 22 Jahren manch verbalen Schlagabtausch mit Ratskollegen geliefert. Und hinterher friedlich mit ihnen Kaffee getrunken.

Christina Weder
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Michael Keller hat neben der Politik eine weitere Leidenschaft: Amerikanische Oldtimer. (Bild: Ralph Ribi)

Michael Keller hat neben der Politik eine weitere Leidenschaft: Amerikanische Oldtimer. (Bild: Ralph Ribi)

Michael Keller ist ein Durchschnittsparlamentarier. Und doch ist er so gar nicht durchschnittlich. So lange wie er sass kaum einer im Stadtparlament. Er brachte es auf 22 Jahre (siehe Kasten). Vor einer Woche trat der SVP-Mann, der ursprünglich für die Autopartei gewählt worden war, aus gesundheitlichen Gründen zurück.

Körperlich eingeschränkt

Michael Keller sitzt im Rollstuhl. Er leidet an einer spinalen Muskelatrophie, einer Erbkrankheit, die progressiv verläuft. Er könne keine Aktentaschen mehr lupfen, keine Dossiers mehr wälzen. Dennoch sagt Keller, der in einem Teilzeitpensum als kaufmännischer Angestellter arbeitet: «Ich führe ein ganz normales Leben.»

Während er in der Brasserie Walhalla am St. Galler Bahnhofplatz sitzt und auf seine Parlamentsjahre zurückblickt, spricht er schnell. Seine Augen zwinkern spitzbübisch hinter den Brillengläsern hervor. Eine Cowboy-Krawatte schlingt sich um den Hals. Sein Markenzeichen ist die Zahnlücke.

Für sein Mundwerk ist Keller berüchtigt. Er gilt als einer, der auch mal verbal poltern kann. An seiner letzten Parlamentssitzung wurde er vom politischen Gegner als Kollege gewürdigt, der sich «ins Feuer redet – mit Boshaftigkeit und Hochgeschwindigkeit». Polemisch sei er, aber fair. Keller steht dazu: «Ich habe ausgeteilt, aber auch eingesteckt.»

Sich oft und gerne geärgert

Eine Einsicht habe er in all den Jahren gewonnen: «Man kann mit zu viel Herz oder zu viel Verstand Politik machen.» Die Kunst sei, den Mittelweg zu finden und seine Anliegen mehrheitsfähig zu machen. Letztlich ist die Politik für ihn aber eine emotionale Angelegenheit geblieben. «Ich rege mich nach jeder Sitzung tödlich auf», sagt er. Doch der Ärger verdampft meist so schnell, wie er hochgekommen ist – bei einem Bier oder einem Kaffee mit den Fraktionskollegen.

Vorstösse hat Keller in all den Jahren nur wenige eingereicht. Sieben waren es an der Zahl, keiner wurde für erheblich erklärt. Das überrascht ihn nicht: Vorstösse aus der SVP-Küche hätten «aus Prinzip» kaum Erfolgschancen, findet er. Deshalb hat sich Keller vielmehr als Sprecher der Fraktion hervorgetan – vor allem wenn es um Verkehrsfragen ging. Und dies, obwohl er das Rampenlicht eigentlich scheut. Denn eines habe er in all den Jahren nicht gelernt: Frei zu sprechen. Immer habe er ab Blatt gelesen.

Leidenschaftlicher Autofan

Zur Politik gekommen ist Keller, weil er sich über die Autobahnvignette aufgeregt hat. Er war leidenschaftlicher Autofahrer und schloss sich der Autopartei an. Ein verschworenes Grüppchen sei das gewesen, auf das niemand gewartet habe und das von allen geschnitten wurde. Das hat ihn geprägt.

Ende der 1990er-Jahre folgte der Übertritt zur SVP – zwangsläufig. Doch dem gängigen Klischee des SVPlers kann er nichts abgewinnen. «Ich jodle nicht, jasse nicht und rauche nur selten Stumpen.»

Oldtimer: «Je älter, desto besser»

Nun, da er sich aus der Politik zurückzieht, hat er mehr Zeit für sein liebstes Hobby. Sein Herz schlägt für amerikanische Oldtimer. Je älter, desto besser. «Alles, was nach 1980 kommt, interessiert mich nicht», sagt Keller. In seiner Garage steht ein Packard mit Jahrgang 1956. Er hat ihn im selben Jahr, als er ins Stadtparlament gewählt wurde, aus den USA einschiffen lassen. Der Transport hat ihn mehr Nerven gekostet als die Wahl.

Vor zehn Jahren musste Michael Keller das Autofahren aufgeben. Und er hat aufgehört, Modellautos zusammenzubauen. Geblieben ist eine grosse Sammlung. Und die Faszination. Keller recherchiert über ausgefallene Oldtimer-Modelle. Und er schreibt Einträge für das Online-Lexikon Wikipedia. Ganz loslassen könne er die Politik noch nicht: Er will sich weiterhin mit Fraktionskollegen treffen.