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EPISODEN: «Kunstverein möglichst intim halten»

Beim elitären Herrenclub zur weltoffenen Institution: Der Kunstverein Rorschach blickt auf eine wechselvolle 100-jährige Geschichte zurück.
Das Gründungsdokument (links) des Kunstvereins Rorschach aus dem Jahr 1917. Die zwölf aufgelisteten Namen der Gründungsmitglieder sind gut erkennbar. Jahrelang wurde um die Anschaffung eines Epidiaskops gerungen, denn es kostete stattliche 3000 Franken. (Bilder: zVg)

Das Gründungsdokument (links) des Kunstvereins Rorschach aus dem Jahr 1917. Die zwölf aufgelisteten Namen der Gründungsmitglieder sind gut erkennbar. Jahrelang wurde um die Anschaffung eines Epidiaskops gerungen, denn es kostete stattliche 3000 Franken. (Bilder: zVg)

Im Gründungsjahr 1917 galt die Regel, «unseren Kunstverein möglichst intim zu halten, also zu vermeiden, dass durch allzu eifrige Mitgliederwerbung störende oder untätige oder unpassende Elemente hereinkommen». Zwei Jahre später wurde ein Mai-Ausflug mit Damen geplant. «Es kann mit Vergnügen konstatiert werden, dass etliche Damen (etwa 3–3,5) im Sinne hatten, zu erscheinen. Jede fürchtete aber, allein zu sein im Kreise der Männer, und da sie nicht wussten, wie viele andere auch gekommen wären, wenn sie wüssten, dass die andern auch kämen, so machten alle rechtsumkehrt am Hafenbahnhof und wandten sich anderen Belustigungen zu.» Diese und zahlreiche weitere Protokollauszüge hat Ruedi Stambach gesammelt und in einem Referat am Weihnachtsanlass des Kunstvereins auf Mariaberg präsentiert, vorgelesen von Irmgard Stambach. Seine Arbeit, die in ausführlicher Form im Ende Februar 2018 erscheinenden Buch zum «Lichtjahr» 2017 publiziert wird, vermittelt aufschlussreiche und oft auch amüsante Einblicke in die 100-jährige Vereinsgeschichte des Kunstvereins. Bemerkenswert ist dessen öffentliches Ansehen in den Gründerjahren. So legte im Jahr 1920 der damalige städtische Bauvorstand dem Vorstand des Kunstvereins Entwürfe für das Friedhofdenkmal zur Beurteilung vor. Ruedi Stambach: «Wie stark der Kunstverein mit der Stadt verbandelt war, zeigt die folgende Bemerkung aus dem Jahr 1923: ‹Der Präsident konstatiert mit Genugtuung, dass wir wieder die Mehrheit im Stadtrat besitzen, indem Herr Otto Gmür durch unser Mitglied Hr. Dr. Carl Rothenhäusler ersetzt worden ist.›»

Epidiaskop als Wendepunkt

Auch wenn die Kunstverein-Anlässe – anfänglich vor allem ­Referate, später auch Ausstellungen und Kunstreisen – selbstredend Malerei, Bildhauerei und Architektur in den Mittelpunkt stellten, gab es oft auch «Seitensprünge» in Themen wie Technik und Literatur. So gestaltete Sekundarlehrer Alois Schmuki 1924 einen Abend «über Drahtlose Telefonie, mit Experimenten und Vorführung der Empfangsstation des Sekundarschulhauses.» Technisch, aber immerhin im Dienst der Kunst war das über Jahre immer wieder auftauchende Traktandum «Epidiaskop», ein Gerät, mit dem Bilder und Buchausschnitte auf die Wand projiziert werden konnten. Schliesslich wurde ein solches 1924 angeschafft, was als «Wendepunkt im Leben des Kunstvereins» taxiert wurde. Der verstärkte Einbezug von Literatur als Vortragsthema sei den Frauen zu verdanken, erzählt Ruedi Stambach. Diese fanden jedoch nur zögerlich Zugang zum Kunstverein. «Nach rund einem Vierteljahrhundert wurde mit der Frau eines verstorbenen Mitglieds die erste Frau in den Kunstverein aufgenommen. Auch Künstlerinnen scheinen Mühe gehabt zu haben, die nötige Beachtung in der erlauchten Männergesellschaft zu finden.» Noch in den Vierzigerjahren, als die Frauen als Mitglieder längst willkommen waren, geistert in einem Protokoll die Sehnsucht nach der «frauenlosen» Ära auf: «...im engen Kreis! Wieder einmal! Allg. Eindruck: Es sei ein heimeliger Abend gewesen, wie in alten ­Zeiten.»

Die gute neue Zeit

Ruedi Stambachs Referat legt hingegen schonungslos offen, dass die alten Zeiten nicht immer gut waren. Nebst vielen Höhepunkten litt der Kunstverein zeitweise an erlahmendem Engagement, leerer Kasse und darniederliegender Administration. So berichtet das Protokoll von der HV 1924: «Der Kassier gibt der Versammlung die übliche Skizze über unseren Vermögensstand, dass die beglückende Wahrheit ein Passiv-Saldo von Fr. 190.10 Cts sei. Dass das Resultat seiner ‹Betriebs-Rechnungen› kein Grund zu Hochmut gibt, wird wohl jeder zugeben.» Die gute neue Zeit lässt grüssen: Nach seinem gelungenen 100-Jahr-Jubiläum blickt der Kunstverein Rorschach mit seinen 240 Mitgliedern, gesunden Finanzen und einem abwechslungsreichen Programm zuversichtlich in die Zukunft.

Thomas Widmer

redaktionot@tagblatt.ch

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