ENGAGEMENT: Toxikologin gegen Tierversuche

Irene Varga aus Berg kämpft gegen Tierversuche. Nun hat sie eine eidgenössische Initiative zur Vorprüfung eingereicht. Die Behörden beschönigten Tierversuche, sagt sie.
Nina Rudnicki
Irene Varga drehte der Toxikologie den Rücken, weil sie Tierversuche hätte absegnen müssen. (Bild: Urs Bucher)

Irene Varga drehte der Toxikologie den Rücken, weil sie Tierversuche hätte absegnen müssen. (Bild: Urs Bucher)

Nina Rudnicki

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tagblatt.ch

Der richtige Zeitpunkt für eine Tierversuchsverbot-Initiative ist gekommen. Davon ist die Bergerin Irene Varga überzeugt. Zusammen mit den anderen Mitgliedern des Initiativkomitees hat sie den Text für die eidgenössische Initiative «Forschung toppen, Tierversuche stoppen! Tier- und Menschenversuchsverbot – freie Fahrt für faire Ansätze» bei der Bundeskanzlei zur Vorprüfung eingereicht. Wird sie für gültig erklärt, bleiben den Initianten ab kommendem Frühling 18 Monate Zeit, um 100000 Unterschriften zu sammeln. «Bio-Bewegungen, vegane Lebensweisen sowie Naturheilkunde sind im Aufschwung», sagt Varga. Ausserdem werde das Komitee die Schweizerinnen und Schweizer mit Aktionen auf das Thema Tier- und Menschenversuche und die Fehler im Forschungs­prozess aufmerksam machen.

Auf ihrem Esstisch stapeln sich Dokumente und Berichte zum Thema. Darunter eine Liste mit rund 60 Organisationen und Firmen, die ein bedingungsloses Tierversuchsverbot unterstützen. Aufgeführt werden beispielsweise Erwin Kesslers Verein gegen Tierfabriken Schweiz, Daniele Gansers Schweizer Institut für Friedensforschung und Energie sowie Thomas Minders Naturkosmetikfirma Trybol.

Versuche an 3000 Hunden und 200 Primaten

Die Initiative ist kompromisslos. So sollen ausnahmslos alle Tier- und Menschenversuche verboten werden. Zudem sollen Handel, Import und Export von Produkten aller Branchen verboten werden, wenn für sie weiterhin Tierversuche durchgeführt werden. Bereits getestete Produkte dürfen hingegen zugelassen bleiben.

Das Argument, die Schweiz habe bereits eines der strengsten Tierschutzgesetze weltweit, zählt für Varga nicht. Die Tierversuchszahlen lagen 1983 bei zwei Millionen jährlich und entwickelten sich bis 1996 rückläufig. Seit 20 Jahren liegt die Zahl allerdings konstant bei 600000 bis 700000. So wurden im Jahr 2015 beispielsweise Versuche an rund 400000 Mäusen, 3500 Rindviechern, 3000 Hunden und 200 Primaten durchgeführt.

Ein Fünftel aller Versuchstiere wurde für Versuche mittleren Schweregrades eingesetzt, 43 Prozent für den Schweregrad Null. «Die Behörden beschönigen die Belastungsgrade», sagt Irene Varga. Sie verweist auf Angaben des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinär­wesen. Zum Schweregrad Null zählen unter anderem kurze Todesangst oder bestimmte Amputationen. «Und Infusionen bis zu fast acht Stunden an Hunden, die im Hängegurt fixiert sind, gelten als leichte Belastung», sagt sie.

Vor über 20 Jahren über Tierversuche abgestimmt

Es gibt gute Gründe, die gegen Tierversuche sprechen. Die menschlichen Systeme wie Leber, Niere und Darmflora arbeiten anders als die von Mäusen. Stoffe, die bei Tierversuchen positive Ergebnisse lieferten, könnten beim Menschen nicht wirken oder gar schaden, was auf den Grossteil der getesteten Substanzen zutreffe. Die Forschung setzt daher auch auf alternative Verfahren wie auf In-Vitro-Versuche, also Versuche an gezüchteten menschlichen Zellen.

Auch Varga forschte an den krebserregenden Eigenschaften chemischer Substanzen. Dies in einem tierversuchsfreien Simulationsmodell während ihres Biologiestudiums an der ETH Zürich am Institut für Toxikologie. Doch da sie für die Forscherkarriere hätte Tierversuche absegnen müssen, kehrte sie der Branche den Rücken. Sie arbeitete viele Jahre als Projektmanagerin im Bereich Informatik bei verschiedenen Grosskonzernen. Seit Herbst 2007 ist sie auch dort Aussteigerin und lebt und arbeitet als freie Künstlerin und Denkerin. Von Berg aus hat die heute 57-Jährige zusammen mit Gleich­gesinnten unter anderem die Gruppen «Parteifrei SG» und «IG Soziales statt Neoliberales bedingungsloses Grundeinkommen» gegründet. Einige dieser Mitglieder sind jetzt auch im Komitee der Tierversuchsverbots-Initiative vertreten.

Letztmals wurde im Jahr 1993 über die Abschaffung von Tierversuchen abgestimmt. 72 Prozent waren damals gegen ein Verbot. Auch aktuell dürfte es schwierig werden, das Schweizer Stimmvolk umzustimmen. Eine Umfrage des Schweizer Tierschutzes zeigte vor drei Jahren, dass zwar zwei Drittel der Befragten gegen Versuche sind, es allerdings nur acht Prozent für möglich halten, dass die Forschung auch ohne Tierversuche auskommen wird. «Aber wir haben jetzt rund vier Jahre Zeit für Aufklärungsarbeit.»

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