ENERGIEMIX: Busstrom aus Wasserkraft

Die Verkehrsbetriebe St.Gallen beziehen ihren Strom seit neustem auf dem freien Markt. Damit fahren die Busse günstiger und ökologischer – obwohl der Stadtrat einen Mehrpreis verordnet hat.

Roger Berhalter
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Durch die Fahrleitungen der städtischen Busse fliesst nach wie vor auch Atomstrom – auf dem Papier sieht es anders aus. (Bild: Urs Bucher)

Durch die Fahrleitungen der städtischen Busse fliesst nach wie vor auch Atomstrom – auf dem Papier sieht es anders aus. (Bild: Urs Bucher)

Roger Berhalter

roger.berhalter

@tagblatt.ch

Es ist ein Wunder. So zumindest bezeichnen mehrere Leserbriefschreiber die Tatsache, dass die Verkehrsbetriebe seit neustem auf Atomstrom verzichten und damit sogar noch 80000 Franken pro Jahr sparen. Gleichzeitig ökologischer und günstiger und atomstromfrei würden die Busse der Verkehrsbetriebe (VBSG) nun fahren, das sei nichts weniger als «ein physikalisches Wunder» (Ausgabe von gestern).

Anlass für die Leserbriefe ist die Antwort des Stadtrats auf eine Einfache Anfrage, in dem es um den Strommix der VBSG geht. Die Verkehrsbetriebe seien seit neustem «atomstromfrei unterwegs», schreibt der Stadtrat. Bisher bezogen die VBSG von den Stadtwerken das Stromprodukt «St.Galler Strom Basis», das 30 Prozent Kernenergie enthält. Seit Anfang Jahr aber werden die VBSG vollständig mit erneuerbaren Energien versorgt. Dadurch würden die jährlichen Energiekosten um 80000 Franken gesenkt (Ausgabe vom 10. März).

Zehnmal teurer als normal und trotzdem günstiger

Das ist allerdings kein Wunder, sondern die Erklärung ist pro­faner. Neu beziehen die VBSG ihren Strom nämlich über die Stadtwerke zu Marktkonditionen. Obwohl die VBSG schon länger das Recht dazu gehabt hätten, verblieben sie bisher in der sogenannten Grundversorgung zum Grossverbrauchertarif. Auf dem freien Strommarkt beziehen die VBSG zusätzlich zur Energie zu Marktpreisen neu Zertifikate für Schweizer Wasserkraft. Diese kosten derzeit 0,1 Rappen pro Kilowattstunde. Die VBSG bezahlen aber einen ganzen Rappen, dies hat der Stadtrat entschieden.

Harry Künzle, Leiter des städtischen Amtes für Umwelt und Energie, spricht von einer Win-win-Situation: «Mit diesem Preis leisten die VBSG einen Beitrag an die ökologische Stromversorgung der Stadt.» Trotz des politisch verordneten Mehrpreises fahren die VBSG auf dem freien Markt um 80000 Franken günstiger.

Dass die VBSG-Busse jetzt ohne Atomstrom unterwegs sind, stimmt aber nicht ganz. Die Verkehrsbetriebe können zwar wählen, welchen Strom sie einkaufen wollen, so wie Privathaushalte auch. Auf diese Weise ergibt sich der Strommix, den die Stadtwerke für all ihre Kunden beschaffen.

Aus allen Steckdosen kommt derselbe Strom

Der Strombezug hingegen ist neutral; aus allen Steckdosen kommt derselbe Strom. Deshalb fliesst auch nach wie vor Atomstrom durch die Fahrleitungen der städtischen Busse, obwohl die VBSG auf dem Papier ausschliesslich erneuerbare Energie beziehen. «Natürlich kann man nicht jedes Elektron einzeln steuern», sagt Harry Künzle. «Es ist wie bei einem See, bei dem man beim Ausfluss auch nicht sagen kann, aus welchem zufliessenden Bach ein bestimmter Tropfen stammt.» Mit der Entscheidung, erneuerbare Energien zu unterstützen, würden finanziell aber die sauberen Quellen unterstützt.