Eintauchen in eine andere Welt

Wie lebte es sich in Gaiserwald vor 140 Jahren? Antworten darauf liefert die Sonderausstellung im Ortsmuseum, die übermorgen Samstag eröffnet wird. Hauptperson ist Regina Lampert, eine starke Frau, die 1875 nach St. Josefen kam.

Corinne Allenspach
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Stube wie anno dazumal: Yvonne Brülisauer und Bernhard Rüthemann von der Kulturkommission blättern im Buch, das am Samstag vorgestellt wird. (Bild: Ralph Ribi)

Stube wie anno dazumal: Yvonne Brülisauer und Bernhard Rüthemann von der Kulturkommission blättern im Buch, das am Samstag vorgestellt wird. (Bild: Ralph Ribi)

GAISERWALD. Sie war unternehmungslustig und bereits erstaunlich emanzipiert, die Vorarlbergerin Regina Lampert. Gern ging sie auf den Tanz, trank auch ein Gläschen Wein, und als erste Frau nahm sie eines Sonntags am Abtwiler Sonnenberg an einem Kegelturnier teil. Dort gewann die Jungfer Lampert, wie sie von allen genannt wurde, den ersten Preis: einen prächtigen Schafbock. Das weckte auch Neid. Eine alte Frau fragte sie, ob sie sich nicht geschämt habe, mit den Herren zu kegeln. «Zum Schämen hatte ich keine Zeit», erwiderte Regina Lampert nur.

Zehnjährige als Dienstbotin

So geschehen um 1880. Gaiserwald zählte damals knapp 2300 Einwohner, heute sind es 8000. Strom, Telefon und Telegraf gab es noch nicht. Ab 1883 fuhr von Engelburg zweimal täglich eine Postkutsche nach St. Gallen. Die Abtwiler und St. Josefer mussten darauf bis 1907 warten. Es war die Zeit der Stickereiblüte, Gaiserwald kann rückblickend als eine Hochburg der Stickerei bezeichnet werden. Und mittendrin spielte sich Regina Lamperts Leben ab. Schon als Zehnjährige musste sie erstmals einen Sommer bei Bauer Bentele in Süddeutschland als Dienstbotin arbeiten, um ihre arme Familie zu entlasten. «Schwabengänger» nannte man diese Kinder, die im Gegensatz zu Verdingkindern im Winter daheim bei der Familie lebten.

Beeindruckt von starker Frau

1875 kam die 21-Jährige nach St. Josefen zu ihrem Bruder Jakob, der ein Maurergeschäft führte. Sie half im Haushalt und im Geschäft und zog später, nach dem frühen Tod ihres Mannes, ihre vier Töchter selber gross. «Eine unglaublich faszinierende Frau. Ich bin tief beeindruckt, wie sie ihr Leben gemeistert hat in einer Zeit, als alles noch sehr aufwendig war», sagt Yvonne Brülisauer, Gemeinderätin und Präsidentin der Kulturkommission, 140 Jahre später. Auch Kulturkommissionsmitglied Bernhard Rüthemann ist begeistert. Regina Lampert habe in ihrer harten Jugend gelernt, den Mut nicht zu verlieren und schwere Lebenslagen zu meistern. «Dank unermüdlicher Arbeitskraft und ihres positiven Denkens brachte sie ihre Familie ehrenvoll durch.»

Regina Lamperts Geschichte war es auch, die den Ausschlag für die Ausstellung im Ortsmuseum gab (siehe Kasten). 75jährig hatte die Frau begonnen, ihre Jugenderinnerungen aufzuschreiben, bevor sie 1942 mit 88 Jahren starb. Ihr Tagebuch wurde später von einem Vorarlberger Historiker transkribiert, von Ernst Ziegler, der in St. Josefen aufgewachsen ist, mit Anmerkungen ergänzt und jetzt von Bernhard Rüthemann mit alten Fotos und viel Wissenswertem zum Leben in Gaiserwald von damals angereichert.

Ein Jahr lang recherchiert

Entstanden ist das Buch «Von der Schwabengängerin zur Lebensmeisterin», Herausgeberin ist die Politische Gemeinde. Ein spannendes Werk nicht nur für Gaiserwalder, sondern auch für alle, die gern eintauchen in eine Zeit, als das Leben noch wenige Highlights bot und die Menschen trotzdem zufrieden waren. Rüthemann recherchierte ein Jahr lang minutiös, stöberte in Archiven, studierte historische Dokumente. «Am meisten Spass machte mir, herauszufinden, wo genau Lamperts wohnten und verkehrten.» Was ihn überrascht hat: Obwohl stets von St. Josefen die Rede war, hatte sich vieles am Abtwiler Sonnenberg abgespielt. So fand Rüthemann etwa heraus, dass Lamperts ein Jahr lang im «Haus Knecht» an der Sonnenbergstrasse 63 wohnten und oft bei Landwirt Franz J. Mündle im Haus «Halten» am Lehweg zu Besuch waren. Das Haus gehört nun seit Jahrzehnten der Familie Looser, die selber lange Landwirtschaft betrieb.

«Von der Schwabengängerin zur Lebensmeisterin», Verkauf: Gemein- de Gaiserwald und Rösslitor/Thalia