Einst Bijou – jetzt Schandfleck

Das Treppengiebelhaus auf dem Kirchplatz gegenüber dem Rathaus ist in einem desolaten Zustand. Laut Kantonaler Denkmalpflege würde einem Abbruch nur zugestimmt, wenn ein ins Ortsbild passender Neubau erstellt wird.

Otmar Elsener
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Rorschachs ältestes Haus befindet sich in einem desolaten Zustand. Die Bevölkerung fragt sich, warum der Eigentümer das Haus verlottern lässt? (Bild: Otmar Elsner)

Rorschachs ältestes Haus befindet sich in einem desolaten Zustand. Die Bevölkerung fragt sich, warum der Eigentümer das Haus verlottern lässt? (Bild: Otmar Elsner)

RORSCHACH. Das 459jährige Haus mit dem eigenartigen Treppengiebel zwischen Rathaus und St. Kolumbans-Kirche verlottert zusehends – wie schon einmal vor 80 Jahren. Damals meinten viele Rorschacher, das Haus sei ein alter Haufen, den man abbrechen soll. Und da man kurz zuvor die Kirchstrasse bis zur Hauptstrasse verlängert hatte, sei es auch ein Verkehrshindernis.

Doch es gab Stimmen, die nicht zulassen wollten, dass das prachtvolle geschlossene Bild des Kirchplatzes durch den Abbruch verschandelt werden sollte. Und so wurde in der Folge das damals unansehnliche Gebäude 1934 durch den Architekten Johann Stärkle komplett umgebaut. Stärkle verpasste dem Haus historisch ungetreu die beiden Treppengiebel und eine neue Fassadenaufteilung.

Die Presse lobte die Renovation dennoch überschwenglich: «Was der Architekt aus dem künstlerisch wertlosen Gebäude geschaffen habe, sei Heimatschutz im besten Sinne. Man meine, das Haus sei schon seit Jahrhunderten so dagestanden.»

Der Schein trügt

Das meinen wohl viele Rorschacher auch heute, denn das Haus gehört zum Kirchplatz wie die Treppe zur Kirche. Doch der Schein trügt.

Obwohl es sich um das älteste Haus in Rorschach handelt – es wurde 1551 als erster Pfarrhof für Hans Graf erbaut –, muss man sich im klaren sein, dass der historische Wert gering ist. Die Renovation von 1934 gab dem Haus das heutige Erscheinungsbild mit den Treppengiebeln und eine weitere missglückte Renovation zerstörte 1965 noch mehr von der einstigen historischen Substanz.

Historisch wirkt noch an der Nordseite das Wappen des Abtes Diethelm Blarer von Wartensee, der das Haus 1562 erwarb. Seinen echten historischen Wert hat das Haus längst verloren und ist nicht mehr schützenswert. Zu viel ist verändert worden. Einzig im Ortsbild behält es seine wichtige Bedeutung zwischen der St. Kolumbans- irche, dem Kirchplatz und dem Rathaus.

Deshalb wurde es von der Kantonalen Denkmalpflege nicht als Einzelobjekt in die Schutzverordnung aufgenommen, sondern nur als Bestandteil der Ortsbildschutzzone.

Konsum und Zoohandlung

Im Haus befand sich jahrzehntelang der erste Konsumverein in Rorschach, der ca. 1880 als Aktiengesellschaft gegründet worden war. Der Laden wurde Herrenkonsum genannt, weil Rorschachs Arbeiter einige Jahre später eine eigene Konsumgenossenschaft gründeten. Nach der Aufgabe des Konsums mieteten sich eine Zoohandlung und ein Coiffeursalon ein.

Besonders die Zoohandlung ist für viele eine bleibende Jugenderinnerung. Allerlei Kleintiere waren in mehreren Schaufenstern ausgestellt – heute wohl nicht mehr Tierschutz-gerecht –, und auch die farbigen Fische in den Aquarien lockten Kinder an. Während den Rorschacher Freilichtspielen diente die Südfassade als natürliche Kulisse, und als der Festumzug im Film «Das Menschlein Mathias» gedreht wurde, wählte der Regisseur das Giebelhaus als Hintergrund.

Soldaten und Volk feierten in den Kriegsjahren auf dem durch das Haus abgegrenzten Kirchplatz Gottesdienste.

Wie vor 80 Jahren

Das Haus befindet sich heute nach mehreren Besitzerwechseln in einem desolaten Zustand. Und wie vor 80 Jahren fragt man sich, wieso man das Gebäude an so prominenter Lage verlottern lässt. Zudem vor einem Jahr im heute leerstehenden Haus ein Brand ausbrach.

Wird es wohl demnächst wie die Velo-Giger-Häuser abgerissen, um auch einem Neubau Platz zu machen? Was der heutige Besitzer, der es 1986 erwarb, mit dem Haus plant, ist nicht bekannt. Grundsätzlich darf das Haus abgerissen werden, doch muss es in diesem sehr sensiblen Ortsbildbereich möglichst in der heutigen Dimension ersetzt werden.

In welcher Form, muss im Einvernehmen mit der Kantonalen Denkmalpflege und dem Stadtrat geschehen, da es sich ja in der Ortsbildschutzzone befindet. So kann erwartet werden, dass auch bei einem allfälligen Abbruch des Hauses mit einem passenden Neubau das geschlossene Bild des Kirchplatzes für kommende Zeiten erhalten bleibt.

Quellen: Daniel Studer, Ortsbilder und Kulturobjekte; Louis Specker, Rorschach im 19. Jahrhundert; Tagblatt-Archiv

Das während der Jahrhunderte oft veränderte und stillos gewordene Haus schien 1934 ein Abbruchobjekt, wurde dann aber historisch ungetreu renoviert (Bild rechts). (Bild: Tagblatt-Archiv)

Das während der Jahrhunderte oft veränderte und stillos gewordene Haus schien 1934 ein Abbruchobjekt, wurde dann aber historisch ungetreu renoviert (Bild rechts). (Bild: Tagblatt-Archiv)