Einsame Italiener im Heim

ST.GALLEN. Fremdsprachige, behinderte und psychisch angeschlagene Seniorinnen und Senioren finden in Alters- und Pflegeheimen oftmals keinen geeigneten Platz. Die Stadt will jetzt mit Hilfe einer FHS-Studie den Bedarf bei älteren Migranten abklären.

Jeanette Herzog
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Italiener wünschen sich in der Stadt Alterswohnungen oder separate Abteilungen in Alters- und Pflegeheimen. (Bild: ky/Urs Flueeler)

Italiener wünschen sich in der Stadt Alterswohnungen oder separate Abteilungen in Alters- und Pflegeheimen. (Bild: ky/Urs Flueeler)

Wir werden immer älter. Laut Bundesamt für Statistik leben Männer im Schnitt 80,3, Frauen gar 84,7 Jahre. Das ist beinahe doppelt so lange wie noch vor hundert Jahren. Doch die höhere Lebenserwartung birgt gesellschaftliche Herausforderungen, die derzeit viel diskutiert werden. Stichworte sind Überalterung, Demenz oder AHV-Finanzierung.

Ins Blickfeld der Alterspolitik rücken aber vermehrt auch neue Gruppen von Seniorinnen und Senioren, die spezielle Bedürfnisse haben. In der Stadt St. Gallen sind dies beispielsweise pflegebedürftige Menschen mit Suchtvergangenheiten und psychischen Problemen. Diese Gruppe von Senioren wächst stetig. Das seien die Folgen des Drogenkonsums der 1980er-Jahre, sagt Karolina Weber, Fachspezialistin Alter und Betreuung bei der Stadt. Diese Personen würden viel früher altern, so dass sie zum Teil schon vor dem Rentenalter pflegebedürftig seien.

Doppelt so viele Betten

Das Marthaheim der Gemeinnützigen und Hilfs-Gesellschaft (GHG) hat sich als einziges Alters- und Pflegeheim in der Stadt auf die Betreuung dieser Personen spezialisiert. Doch das Haus an der Unterstrasse mit seinen 42 Zimmern ist voll, die Warteliste lang (Ausgabe vom 15. März). «Wir haben heute in der Stadt zu wenig Platz für diese Leute», sagt Weber. Denn normale Heime könnten ihnen nicht gerecht werden.

Die GHG will deshalb seit Jahren neben dem Alters- und Pflegeheim Josefshaus am Rand der Kreuzbleiche einen Neubau mit doppelt so vielen Betten stellen. Die Villa Jacob steht dem Projekt aber wortwörtlich im Weg. Derzeit wird geprüft, ob das Gebäude verschoben werden kann, damit Platz für den Neubau entsteht.

Mediterrane Alterswohnungen

Ist der Neubau erst einmal bezogen, möchte Fernand Perpignan den leerstehenden Altbau an der Unterstrasse umnutzen. Der Laienmissionar sähe dort gern Alterswohnungen für italienische, spanische und portugiesische Seniorinnen und Senioren, die die grösste Migrantengruppe der Stadt bilden. Bereits vor drei Jahren hat er gemeinsam mit der Genossenschaft Casa Medio diesen Wunsch geäussert.

Die Arbeiter, die in den 1950er- und 1960er-Jahren in die Schweiz einwanderten, sind heute in einem Alter, in dem sie Pflege benötigen. Die Crux: Viele sprechen kaum Deutsch. Hauptgrund für die mangelnden Sprachkenntnisse dieser «mediterranen Migranten» sei, dass es damals an Integrationsbemühungen von Seiten der Stadt gefehlt habe, sagt Karolina Weber. «Erkranken sie im Alter zudem an Demenz, verlieren sie ihre spärlichen Deutschkenntnisse vollends und fühlen sich nicht mehr wohl in den Heimen.»

Depressiv aus Einsamkeit

Dies bestätigt Fernand Perpignan, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, italienischsprechende Senioren in Alters- und Pflegeheimen zu besuchen. Einige würden aus Einsamkeit an «schlimmen Depressionen» leiden. Er sieht die Lösung in einem Haus mit Alterswohnungen, mediterraner Küche und italienischer Lebensweise. Das Haus würde auch anderen Ethnien offenstehen.

Doch die Interessenvertreter der italienischen Migranten sind sich da keineswegs einig. Der Verein Associazione Aiuto Anziani wünscht sich statt der Alterswohnungen italienische Abteilungen in bestehenden Alters- und Pflegeheimen, wie sie in grösseren Städten der Schweiz bereits existieren.

FHS soll Bedürfnisse abklären

Geplant sei derzeit noch nichts Konkretes, sagt Stadtrat Nino Cozzio. Erst müsse der Bedarf ausgewiesen werden. Das Amt für Gesellschaftsfragen will den Bedürfnissen der Migranten aus dem mediterranen Raum nun auf den Grund gehen. «Wir haben bei der Fachhochschule ein Praxisprojekt eingereicht», sagt Karolina Weber. Ziel sei es herauszufinden, ob italienische, spanische und portugiesische Senioren die Unterstützung erhalten, die sie brauchen, um möglichst lange daheim leben können. Kennen sie die Spitex, den Entlastungsdienst oder die Sozialberatung? Wissen sie, wie sie Ergänzungsleistungen beantragen können?

Je nach Ergebnis der Studie will das Amt Massnahmen ergreifen. Ähnliche Erhebungen kann sich Weber für Senioren aus Ex-Jugoslawien vorstellen, die in der Stadt die zweitgrösste Migrantengruppe bilden. Erst aber muss sich ein Student für den Auftrag der Stadt erwärmen können. Im April sollen die Themen vergeben werden.

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