Einsam vom Birt hinab, wo einst Tausende hinunterwedelten

Den Blick zum Himmel kann man sich ersparen. Es herrscht Kaiserwetter, wie die Österreicher sagen würden.

Drucken
Teilen
Vom Kapf hinunter in die Stadt: Weniger steil als einst durch Kinderaugen. (Bilder: Urs Jaudas)

Vom Kapf hinunter in die Stadt: Weniger steil als einst durch Kinderaugen. (Bilder: Urs Jaudas)

Den Blick zum Himmel kann man sich ersparen. Es herrscht Kaiserwetter, wie die Österreicher sagen würden. Aber hat es genug Schnee? Und was für Schnee? Besteht die Unterlage aus Bruchharst, wie man früher sagte? Kommt man überhaupt noch überall durch? Werden an Bauernhöfen Hunde nicht nur bellen, sondern auch beissen? Das Fieber von zwei Abenteuerlustigen steigt schon auf leichte Temperatur, als sie mit normaler Skiausrüstung und den modernen, klobigen Skischuhen aus dem Parkhaus Kursana ans Tageslicht gelangen. Wie werden die Passanten mitten in der Stadt die etwas ungewöhnlichen Sportsfreunde mustern? Nun, es geht. Die einen schauen höflich vorbei, die andern verziehen die Miene zu einer Mischung aus Staunen und Lächeln.

Der gleiche Birtlift

Im letzten Jahrhundert, noch weit in die zweite Hälfe hinein, hätte sich niemand umgedreht. Am Spisertor warteten jeweils die Skifahrer auf das Trogenerbähnli, das sie nach Vögelinsegg, Speicher, Bendlehn oder Trogen hinaufbefördert. Etwas ist dort gleich wie vor 50 Jahren: Das Bähnchen, nun ein Zweig der Appenzeller Bahnen, ist gerammelt voll. St. Gallen scheint an diesem glitzernden Tag frei zu haben. Spaziergänger, Schlittler und auch die Billettkontrolleure nützen die Gunst der Stunde. Doch Skifahrer – keine sind in Sicht.

Dabei funktioniert oben auf Vögelinsegg der Birtskilift wie einst, als die Winter schneereich waren. «Es ist immer noch der gleiche Lift», sagt die Frau im Kassahäuschen. Und wie damals kann man Einzelbillette lösen, für Fr. 1.90. An den Bügeln, die wohl alle mal alte ersetzt haben, lassen sich Kinder hochziehen. Der Lift endet immer noch bei einem Bauernhaus, wo nun eine Besenbeiz untergebracht ist. Das Restaurant nebenan, in dem Papa jeweils das Vivi Kola bezahlte, ist nicht mehr in Betrieb.

Carven statt «twisten»

Die Aufmerksamkeit gilt nun ohnehin der bevorstehenden Schussfahrt Richtung Rank. Eine Piste hat es keine. Die Unterlage ist extrem hart, doch sie trägt, und darüber, wie bestellt, liegen ein paar Zentimeter Pulver. Bei Unebenheiten oder Fusstritten muss man aufpassen. Das gilt nicht zuletzt für die Waldschneise ein paar hundert Meter nach dem Start. Sie ist immer noch da, aber mit allerlei Gehölz überwachsen. Nur am Rand ist ein schmales Durchkommen. Es ist das «pièce de résistance», wie einst TV-Reporter Karl Erb sagte. Es rüttelt und holpert, und erst ein Linksschwung auf eine kleine Ebene verhindert einen vielleicht bösen Sturz.

Das «Kanonenrohr» glücklich passiert, lässt sich sanft den Hang hinunterschwingen, in ausholenden Kurven, während früher das Wedeln en vogue war und Vico Torriani den entsprechenden Hit lieferte: «Ja, wenn wir twisten auf den Pisten.»

Nein, es war nicht der Klimawandel, welcher der Abfahrt vom Birt in die Stadt und ähnlichen Routen von der Hohen Buche und via Waldegg den Garaus machte. Der kam viel später. Es war der technische Fortschritt. Das Auto liess die Skifahrer bequem in hochalpine Wintersportorte fahren.

Über Zäune klettern

Eine einzige Skispur ist in den Schnee gezogen. Sie weist den Weg um eine kritische Stelle, die es früher in der Hocke zu passieren galt, um mit möglichst viel Tempo in die Ebene hinaus Richtung «Schwarzer Bären» zu sausen. Doch das wäre heute ohnehin nicht möglich: Unten zwingen zwei Drahtzäune, über sie hinwegzusteigen. Hunde bellen ziemlich nahe, lassen sich aber nicht blicken. Schliesslich zieht einen die Idylle vor dem Wenigerweier in den Bann. Die Ski gleiten an einem von Schilf flankierten Bächlein vorbei, ehe unausweichlich der Aufstieg zum Kapf bevorsteht. Der Weg gerade hinauf wäre anstrengender als früher, als der Schnee platt getreten war. Auch hatten einst die Skischuhe eher die Eigenschaften von Wanderschuhen. Heute empfiehlt sich die kurvige Strasse, wo einen Spaziergänger und Jogger begegnen.

Am Ausgang des Kapfwaldes blinzelt die tiefstehende Nachmittagssonne hervor. Rechts öffnet sich der Blick auf die Stadt. Rechts geht es auch hinunter Richtung Scheitlinsbüchel. Was einen durch Kinderaugen noch ziemlich steil erschien, flösst alten Skikanonen nach Jahrzehnten auf Parsenn, Pizol und Flumserberge kaum noch Respekt ein.

Zum Abschluss Kuhtritte

Nach einem engen Durchgang oberhalb des Klosters Notkersegg werden auf der Traverse hinüber zum Scheitlinsbüchel die Unterschenkel nochmals zu Stossdämpfern: Unversehens ist man auf dem Fussweg gelandet. Doch man kann ausweichen, links am Schlittelhang vorbei. Hinweg über den Scheitlinsbüchelweg mit guckenden Drei-Weiern-Spaziergängern führt die Ebene zum letzten Abschnitt. Obwohl kurz, ist er der steilste. Das wäre kein Problem, aber diese Kuhwege! Nur nichts mehr riskieren. Mit einem letzten Schwung, früher Christiania genannt, ist es geschafft.

Wenige später schleicht das Trogenerbähnli gleich vis-à-vis von der neuen Haltestelle Birnbäumen zurück zum Spisertor. Früher musste man noch nach St. Fiden oder zur Station Schülerhaus hinunter. Einen nostalgischen Skiboom dürfte diese Erleichterung aber kaum auslösen.

Fredi Kurth

Aufstieg zum Kapf: Mit schweren «Klötzen» an den Füssen.

Aufstieg zum Kapf: Mit schweren «Klötzen» an den Füssen.

Pièce de résistance: Die verwachsene Schneise gleich nach dem Start.

Pièce de résistance: Die verwachsene Schneise gleich nach dem Start.

Ein paar Zentimeter Pulver auf harter Unterlage: ein Traum auf Birt.

Ein paar Zentimeter Pulver auf harter Unterlage: ein Traum auf Birt.