Einmal Deckeli ohne Rahm bitte

Was früher modern war, wird heute von vielen belächelt. Susi Spörris Leidenschaft aber ist ungebrochen. Seit 1981 sammelt sie Kaffeerahmdeckeli, besitzt mittlerweile über 60 000 Stück. Dabei trinkt sie den Kaffee immer nur schwarz.

Corinne Allenspach
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Susi Spörri blättert in ihrer Kaffeerahmdeckeli-Sammlung. «Es hat wunderbare Motive dabei», sagt sie. (Bild: Hanspeter Schiess)

Susi Spörri blättert in ihrer Kaffeerahmdeckeli-Sammlung. «Es hat wunderbare Motive dabei», sagt sie. (Bild: Hanspeter Schiess)

WITTENBACH. Sie hat es bereits am Telefon angekündigt: Kaffeerahmdeckeli sammeln ist eine Wissenschaft für sich. Und tatsächlich, als Susi Spörri die «Deckeli-Bibel», den Schweizer Kaffeerahmdeckeli Katalog von Käppeli, hervorholt und zu erzählen beginnt, staunt der Laie. Seit 1968, als die Deckeli aufkamen, gab es schon Tausende verschiedener Motivserien in der Schweiz. Sie sinnvoll einzuordnen, so dass man Gesuchtes wieder findet, erfordert nicht nur viel Zeit, sondern auch ein durchdachtes System. Susi Spörri hat beides. Ihre über 60 000 Kaffeerahmdeckeli sind in 30 Ordnern abgelegt und minutiös angeschrieben. Oft höre sie von Leuten, das könne sie doch noch machen, wenn sie pensioniert sei. «Aber man muss jetzt beginnen, das gibt so viel Arbeit», sagt die Wittenbacherin.

Schweiz ist Deckeli-Hochburg

Mit ihrer Sammelleidenschaft ist Susi Spörri nicht allein. Die Schweiz gilt als Zentrum des Kaffeerahmdeckeli Sammelns, gemäss Wikipedia gibt es rund 30 000 Sammler in unserem Land. Begonnen hat der Sammlerboom 1989, heute sammeln noch vorwiegend ältere Leute. Susi Spörri, die in zwei Jahren pensioniert wird, ist sich gewohnt, dass sie wegen ihrer Leidenschaft belächelt wird. «Was, du sammelst immer noch Deckeli?», werde sie oft gefragt. Aber das ist ihr egal, ihre Antwort stets die gleiche: «Jo nu, ich sammle halt jetzt Deckeli.»

Rahm den Schweinen verfüttert

Dabei hat sich das einfach so ergeben, war alles gar nicht geplant. Anfang der 80er-Jahre gab es eine Deckeli-Serie, die der Wittenbacherin «noch gut gefallen hat». Da habe sie sich gedacht, «ich könnte doch einen Papierkorb daraus machen». Mit dem Gestalten des Korbs wuchs auch die Freude an den Deckeli – und 1981 beschloss sie, zu sammeln. Jeder, der es wusste, brachte ihr fortan Kaffeerahmdeckeli, die damals noch grösser und aus Alu waren. Susi Spörri strich jedes einzelne mit einem Gläsli glatt und kaufte selber Kaffeerahm en masse. Obwohl sie den Kaffee immer schwarz trinkt, wie sie lachend anfügt. Rückblickend muss sie sich eingestehen: «Früher habe ich es ein bisschen übertrieben mit Kaufen.» Den Kaffeerahm weggeschüttet habe sie aber nie: «Mein Lebenspartner hatte einen Schweinestall und wir verfütterten den Rahm den Tieren.»

Lavendel, Max und Moritz, Gletscher, Schweizer Musikfestivals, Herzen, nordische Strandhäuser, Wüsten, afrikanische Tiere, Schmetterlinge. Die Vielfalt an Motiven ist schier endlos. Während Susi Spörri in ihren Ordnern blättert, entfährt ihr immer wieder ein begeistertes «das ist doch auch super!». Bei Alpsujets etwa, Pilzen, Papageien oder alten Schauspielern. «Hm, dä Gary Grant», sagt die Wittenbacherin vielsagend und blättert weiter.

Susi Spörris Sammelleidenschaft ist auch nach über 30 Jahren ungebrochen, obwohl sie oft das Gefühl hat, andere Leute wollten ihr das Ganze «madig machen». So werde sie häufig gefragt, was es bringe, Kaffeerahmdeckeli zu sammeln. «Da könnte man sich fragen, was bringt es überhaupt, wenn man irgendetwas sammelt?» Für die Wittenbacherin ist klar: Man macht «öppänöppis» im Leben, das auf den ersten Blick nicht viel Sinn macht.

Aber Tatsache sei, sie habe den Plausch. Einerseits ist sie fasziniert von den Motiven: «Wer denkt sich das bloss immer aus?» Anderseits gefällt es ihr, dass man mit relativ wenig Geld sammeln kann: «Briefmarken beispielsweise würden mir keinen Spass machen.» Susi Spörri holt einen neuen Ordner hervor. «Das ist doch auch schön», sagt sie und deutet auf Deckeli mit Motiven von Albert Anker. «Von ihm bin ich Fan.»

Jeden Laden inspizieren

Einkaufen gehen, ohne einen Blick auf die Kaffeerahmdeckeli zu werfen, das kann Susi Spörri nicht. Auch wenn sie einen Ausflug irgendwo in der Schweiz macht, hält sie jeweils im Dorfladen an und schaut, ob sie dort andere Serien verkaufen als daheim. Alle Schweizer Serien der vergangenen rund 45 Jahre besitzt aber auch Susi Spörri nicht. Schliesslich gebe es jedes Jahr wieder «wahnsinnig viele neue»: «Do magsch nümä noh.» Obwohl sie auch von Berufes wegen an der Quelle ist. Sie arbeitet Teilzeit im Personalrestaurant der Nestlé in Rorschach. Wo sie zuweilen von ihren Kollegen belächelt wird, wenn sie beim Abwaschen die Kaffeerahmdeckeli vor dem Abfallkübel bewahrt.

Noch patriotischer

Eine Lieblingsserie hat die Wittenbacherin nicht. Was sie aber gerne hätte, wären Deckeli aus der Anfangszeit, die 60teilige Swissair-Serie oder die rare sechsteilige «Blick»-Serie von 1979, welche wegen damals sogenannter «artfremder Werbung» aus dem Verkehr gezogen wurde. Allzu viel kaufen will sie aber nicht mehr. «Das bringt ja auch nichts, wenn meine zwei Töchter die Sammlung nachher vielleicht wegwerfen.»

Vor kurzem hat sich Susi Spörri darum eine zweite Leidenschaft zugelegt. Sie sammelt jetzt auch allerlei Gegenstände mit Schweizer Kreuz.

Bild: CORINNE ALLENSPACH

Bild: CORINNE ALLENSPACH

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