EINGRIFF: Hilfe für Mutter Natur

Freiliegende Flächen in der Stadt St. Gallen werden mit Pflanzen aller Art bewirtschaftet. Was aussieht wie wucherndes Unkraut, ist gewollt.

Pascal Thommen
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Botanische Vielfalt am Rand der Hauptstrasse: Auf der Kiesfläche am Rand der Zürcher Strasse beim Fussballstadion blüht es derzeit in allen Formen und Farben. Auffällig und im Siedlungsgebiet eher selten ist die Eselsdistel rechts im Bild. (Bilder: Pascal Thommen)

Botanische Vielfalt am Rand der Hauptstrasse: Auf der Kiesfläche am Rand der Zürcher Strasse beim Fussballstadion blüht es derzeit in allen Formen und Farben. Auffällig und im Siedlungsgebiet eher selten ist die Eselsdistel rechts im Bild. (Bilder: Pascal Thommen)

Pascal Thommen

pascal.thommen@tagblatt.ch

Es summt und blüht an der Zürcher Strasse. Wer beim Kybunpark an der Hauptstrasse im ­Westen der Stadt entlangläuft, entdeckt eine beeindruckende Pflanzenvielfalt. Die rund 1900 Quadratmeter grosse Kiesfläche am Strassenrand solle als prak­tisches Beispiel für die Rekulti­vierung brachliegender Flächen ­dienen, sagt Christoph Bücheler, Leiter des städtischen Gartenbauamts.

Viele empfinden die auf ­solchen Restflächen wachsenden wilden Pflanzen als Unkraut. Tatsächlich aber tragen Flächen wie der bepflanzte Kiesstreifen zur ökologischen Vielfalt bei. Dort wachsen Arten wie die Nacht­kerze, die Hundskamille oder die Schafgarbe. Das seien alles Pflanzen, die es heute «im heraus­geputzten Siedlungsgebiet» sehr schwer haben, sagt Bücheler. Auch viele Insektenarten fänden hier ideale Bedingungen.

Pflanzenvielfalt statt Industriegleise

Im Winter vor einem Jahr begannen das Garten- und das Tiefbauamt gemeinsam die sogenannte Ruderalfläche an der Zürcher Strasse zu kultivieren. Unter einer Ruderalfläche versteht man brachliegenden Boden mit steinigem und humusarmem Untergrund. «Solche sind einfach anzulegen und pflegeleicht», sagt Christoph Bücheler.

«Entlang der Zürcher Strasse konnte die botanische Oase geschaffen werden, weil die Industriegleise entfernt wurden.» Anschliessend wurde Kies aufgeschüttet, das Gelände eingeebnet und im drauffolgenden Frühling dann als Saatbeet genutzt.

Viele Städte in der Schweiz nutzen mittlerweile kleine Brachen und kultivieren darauf selten werdende Wildpflanzen. Das städtische Gartenbauamt will durch solche Projekte vor allem die Bevölkerung sensibilisieren, selbst «wilde Gärten» bei sich ­anzupflanzen. «Die Idee, solche Gärten rund ums eigene Heim anzulegen, ist an sich nichts Neues, nur wird sie bis heute kaum umgesetzt.» Dem will Christoph Bücheler entgegenwirken. «Solche Flächen sind deshalb sehr wichtig, weil sie in der freien Natur kaum mehr vorkommen.»

Künstliche «Störungen» sind nötig

Eine Pflanzenart, die typischerweise auf solchen Ruderalflächen gedeiht, ist der Natternkopf. Als sogenannte Pionierpflanze zeichnet sich die Art durch hohe ­Robustheit und Resistenz gegen Trockenheit aus, erklärt Christoph Bücheler. Pionierpflanzen sind Pflanzen, die vegetationsfreie Bereiche – etwa durch Feuer verwüstete – schneller und wirksamer als andere Arten besiedeln. Sie ertragen schlechte Umweltbedingungen besser und können sich durch ihre schnelle und hohe Samenproduktion durchsetzen. «Daher wachsen die Pflanzen auch prima an ­steilen Hängen.»

Wieso aber kann man die Natur auf Ruderalflächen nicht einfach machen lassen? «Solche Pionierstandorte unterliegen in der Natur ständigen Veränderungen», sagt Bücheler. Damit die Pionierpflanzen nicht nur ein Jahr blühten, müssten «Störungen» künstlich herbeigeführt werden. Diese Flächen würden daher regelmässig von Pflanzenresten und rasch aufkommenden Gehölzen befreit. Ohne diesen Unterhalt würde die Ruderalfläche rasch von Gräsern übernommen. Das Resultat wäre nach einiger Zeit eine artenarme Wiese.