«Einen leeren Raum will niemand»

Am diesjährigen «Stadt-Kultur-Gespräch» ging es um die kulturelle Nutzung von Räumen. 120 Interessierte trafen sich in Haggen zum Gedankenaustausch. Die besten Ideen kamen aber nicht aus St. Gallen, sondern aus Luzern.

Roger Berhalter
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Podium im leeren Fabrikgebäude: Matthias Fässler, Florian Kessler, Moderatorin Corinne Holtz, Katja Ruff-Breitenmoser und Gisa Frank (von links). (Bild: Urs Bucher)

Podium im leeren Fabrikgebäude: Matthias Fässler, Florian Kessler, Moderatorin Corinne Holtz, Katja Ruff-Breitenmoser und Gisa Frank (von links). (Bild: Urs Bucher)

Der kahle Fabrikraum strahlt im lila Licht, 100 Stühle stehen vor einer Podiumsbühne. Zu ihrem «Stadt-Kultur-Gespräch» hat die städtische Fachstelle Kultur ins leerstehende Geschäftsgebäude an der Haggenstrasse 45 geladen, um über die kulturelle Nutzung von Räumen» zu reden. Das Interesse ist gross; rund 120 Gäste sind gekommen. Fast alle aus der Kulturszene, kaum Kulturbehörden und Eventmanager, dafür viele Tänzerinnen, Musiker und Künstler sowie Betreiber jener Kulturräume, um die es an diesem Dienstagabend gehen soll.

Ohne einen Rappen Subvention

Bevor aber St. Gallen Thema ist, erzählt Dominic Chenaux von Luzern. Der Geschäftsführer des Netzwerks Neubad erläutert den Anwesenden, wie eine kulturelle Zwischennutzung konkret aussehen kann. Sein ehemaliges Hallenbad ist heute ein Kulturbetrieb mit 40 Arbeitsplätzen, 350 Veranstaltungen im Jahr und fast zwei Millionen Franken Umsatz – und das «ohne einen Rappen Subvention der öffentlichen Hand», wie Chenaux betont. Er entwirft in verdichteter Form eine Art kulturelles Paradies auf Erden, wo Klassik neben Punk existiert und wo der Bogenschützenverein ebenso Platz findet wie die 50 Street-Art-Künstler, die sich seit neustem im alten Bad austoben.

Ein grosses Netzwerk fehlt

Im Vergleich zu diesem rasanten Referat nimmt die anschliessende Podiumsdiskussion kaum Fahrt auf. Zunächst geht es um den Veranstaltungsort selber, wo 2017 die Sozialen Dienste der Stadt einziehen sollen. «Es eignet sich für vieles, auch laute Nutzungen sind hier denkbar», sagt Florian Kessler, Leiter des Stadtplanungsamts – ohne aber konkret zu werden. Katja Ruff-Breitenmoser, ehemalige Leiterin des Projekts ZwischenNischen, würde das grosse Haus am Bahnhof Haggen für «möglichst viele verschiedene Arten von Kultur» nutzen und bedauert, dass sich in St. Gallen bisher kein ähnliches Netzwerk wie beispielsweise im Neubad Luzern gebildet hat: «Hier denken viele nur in ihrer Sparte, statt sich zusammenzuschliessen.»

Choreographin und Tänzerin Gisa Frank würde an diesem Abend am liebsten alle Tanzschaffenden der Region zusammenrufen, um den rauhen Betonboden tanztauglich zu machen. Doch sie, die mittlerweile nicht mehr in der Stadt, sondern in Rehetobel aktiv ist, arbeitet heute lieber im Freien: «Ich habe die Landschaft als Bühne gewählt, auch das ist eine Zwischennutzung.»

Matthias Fässler, Student und Macher des kulturpolitischen Films «Little Mountain Village», gibt zu bedenken, dass immer auch ökonomische Interessen mitspielen: «Gerade der städtische Raum ist auch für kapitalstarke Personen und Unternehmen interessant.» Er bringt den öffentlichen Raum ins Spiel, der in St. Gallen oft kein Freiraum sei, im Gegenteil: «ein «Laboratorium für Videoüberwachung».

Sehr leer stehende Olma-Halle

Als zum Schluss das Publikum mitmacht, öffnet sich die Diskussion. Roman Rutz vom «Tisch hinter den Gleisen» kritisiert: «Manchmal fehlt seitens der Stadt der Wille, den ersten Schritt zu machen, wenn man die Qualität noch nicht sieht.» SP-Kantonsrat Etrit Hasler fragt den anwesenden Stadtpräsidenten, warum man nicht in dem «sehr leer stehenden Raum» einer Olma-Halle Kultur statt Kongresse veranstalten könnte. Und das fast vollständig versammelte Grabenhallen-Team nutzt die Gelegenheit, Ideen zu sammeln für, vielleicht, einen weiteren Kulturort: Den freiwerdenden Parkplatz vor der Grabenhalle.

Stadtpräsident Thomas Scheitlin gibt sich offen für kulturelle Anliegen: «Wenn Sie Ideen haben: Sagen Sie's uns!» Denn es könne nicht sein, dass eine städtische Liegenschaft ein Jahr lang leer stehe. «Einen leeren Raum will niemand.»

Hula-Tanz auf dem Betonboden: Das Theater Cirque de Loin betrieb vor Ort künstlerische Interventionen. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Hula-Tanz auf dem Betonboden: Das Theater Cirque de Loin betrieb vor Ort künstlerische Interventionen. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Dominic Chenaux, Geschäftsführer des Neubads in Luzern, entwarf ein kulturelles Paradies auf Erden. (Bilder: Urs Bucher)

Dominic Chenaux, Geschäftsführer des Neubads in Luzern, entwarf ein kulturelles Paradies auf Erden. (Bilder: Urs Bucher)