Eine Zugfahrt ins Nirgendwo

Für ihre Diplomarbeit in Theaterpädagogik hat die St. Galler Primarlehrerin Edith Zwygart mit Unterstufenschülern ein Theaterstück aufgeführt. Dabei mussten sich die Kinder nicht an einen Text halten, sondern durften improvisieren.

Andreina Thoma
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Edith Zwygart hat mit Unterstufenschülern ein Theaterstück aufgeführt. (Bild: David Suter)

Edith Zwygart hat mit Unterstufenschülern ein Theaterstück aufgeführt. (Bild: David Suter)

Der Zug ist gerammelt voll. Müde Hunde liegen in den Abteilen, Kühe kauen langsam ihr Heu und auf Bänken herumkletternde Ziegen planen eine Wandertour. Nur ein Schweinchen sitzt ganz allein. Wohin es fährt? Das weiss es selber noch nicht. Auf seiner Reise lernt es andere Tiere kennen, erlebt eine dramatische Szene am Bahnhof und tanzt im Tunnel mit seinem eigenen Spiegelbild.

«Ein Schweinchen auf Zugreise» heisst das Theaterstück, das von Erst- und Zweitklässlern am Freitag im Schulhaus Feldli aufgeführt wurde. Die Geschichte basiert auf dem Bilderbuch «Johanna im Zug» von Kathrin Schärer.

Theater im Unterricht

Angeleitet wurden die Kinder von Edith Zwygart. Das Projekt ist Teil ihrer Diplomarbeit für ihr Studium in Theaterpädagogik. «Die Theaterwelt hat mich schon immer fasziniert», erzählt Zwygart. So habe die Primarlehrerin auch im Schulunterricht immer wieder Rollenspiele einfliessen lassen. Kinder spielen zum Beispiel Szenen nach, in denen es um Ausgrenzung geht. So erleben sie spielerisch soziale Situationen. «Beim Theaterspiel lernen Kinder auch, Verantwortung zu übernehmen und sich selber zu organisieren», sagt Zwygart. Sie habe aber bald gemerkt, dass sie zu wenig weiss, um ein Stück auf die Bühne zu bringen. «Darum habe ich vor vier Jahren entschieden, mich in Theaterpädagogik weiterzubilden. So konnte ich meinen Beruf mit dem Theater verbinden.»

Improvisiert, nicht einstudiert

Für ihre Masterarbeit hat sich Zwygart etwas Besonderes ausgedacht: Die Kinder sollen improvisieren und nicht den ganzen Text einstudieren. Während ihrer Ausbildung zur Theaterpädagogin habe Zwygart einiges über das Improvisieren gelernt. «Ich fragte mich, ob man dies auch mit Kindern machen könnte. Ob man sie frisch von der Leber spielen lassen und diese Szenen dann auch wiederholbar machen kann», sagt die 34-Jährige. Während der zehnwöchigen Probe übten die Kinder Tierbewegungen und besuchten auch den Bahnhof St. Gallen, um das dortige Treiben selbst zu erleben. «Ich habe den Schülern nichts vorgegeben. Wie sich die Tiere in den Abteilen und am Bahnhof verhalten, haben sie durch das Spielen selbst herausgefunden», sagt Zwygart. Dies habe sich gelohnt. «Die Schüler spielen viel freier und mit mehr Körpereinsatz, als wenn sie sich an einen Text halten müssten.»

Einfaches Bühnenbild

«Im Theater kann man die Realität nicht wie im Film eins zu eins abbilden. Es lässt Raum für die eigene Vorstellung, das gefällt mir», sagt Zwygart. Die eigene Phantasie ist auch in ihrem Stück gefragt. Das Bühnenbild ist einfach gehalten. Als Requisiten dienen lediglich zwei Bänke. Eine Leinwand, auf die von vorne und hinten projiziert werden kann, zeigt den Blick aus dem Zugfenster. Die Kinder sitzen ausserdem während des ganzen Stücks am Bühnenrand und treten von dort auf und wieder ab.

Selber Theater gespielt hat Zwygart ausserhalb ihrer Ausbildung noch nie: «Lieber leite ich andere an und behalte den Überblick auf der Bühne.» Trotzdem besetzt auch sie in ihrer Aufführung eine Rolle. Als Reiseleiterin Thea Ter führt Zwygart durch das Stück und hilft dem einsamen Schweinchen, einen Freund zu finden. Am Ende verabschiedet sich das Schweinchen von der Reiseleiterin und fährt weiter mit dem Zug. Wohin die Reise führt, bleibt offen.