Eine Zeitreise in die Vergangenheit

Die Ära der grossen Stickereien prägte die Gallusstadt. Im Textilmuseum St. Gallen findet an zwei Nachmittagen in der Woche eine Zeitreise in das goldene Zeitalter der Stickerei statt.

Fernando Trabadelo
Drucken
Teilen
Maria Weber machte das Sticken an der Maschine zu ihrem Hobby. (Bild: Fernando Trabadelo)

Maria Weber machte das Sticken an der Maschine zu ihrem Hobby. (Bild: Fernando Trabadelo)

Jeden Donnerstag und Freitag setzt sich Maria Weber im Textilmuseum St. Gallen von 12 bis 17 Uhr an die Handstickmaschine. Umgeben von neugierigen Blicken entstehen dort liebevoll angefertigte Stickereien. Weber ist eine der wenigen Personen, die das Handwerk noch beherrschen und die geschichtsträchtige Tätigkeit ausüben. Umso mehr überrascht es, dass sie sich auf ganz ungewöhnlichem Wege der Sache angenommen hat.

«Es hat sich einfach so ergeben»

Seit sechs Jahren sorgt Weber dafür, dass es im Textilmuseum St. Gallen «blüht». An der Handstickmaschine kreiert sie Blumenmuster aller Art. Doch als Stickerin war sie nie berufstätig. «Mein Leben lang arbeitete ich als Textil-Exporteurin», sagt sie. Ihre Eltern seien nie in der Textilbranche tätig gewesen. Sie beerbte einen ihrer Cousins, der die Maschine ebenfalls zu Ausstellungszwecken bediente. Das Sticken an der Maschine war ihr bis anhin allerdings fremd. Während drei Monaten erlernte sie bei ihm das Handwerk. Täglich übte sie bis zu sechs Stunden an der Maschine, bis sie die Kunst des Stickens endlich beherrschte. Dass sie heute einen grossen Teil ihrer Zeit damit verbringen darf, hat sich «glücklicherweise einfach so ergeben».

Es ist noch nicht lange her, als die Hochblüte der Textilindustrie der Schweizer Wirtschaft mehr Geld einbrachte als Uhren und Banken zusammen. Vor dem Ersten Weltkrieg wurden fast fünfzig Prozent der gesamten Weltproduktion an Spitzen in der Ostschweiz produziert. 1829 wurde die halbmechanische Handstickmaschine erfunden und revolutionierte den Markt. Das Exemplar im Textilmuseum St. Gallen war bei der Firma Altherr in Grabs in Betrieb. Bei der 2,25 Metern langen Maschine handelt es sich um ein Schulmodell von 1890.

Die Tradition lebt weiter

Heute lassen sich Stickerei-Betriebe an einer Hand abzählen. In Engelburg etwa, verliess letzten Monat die letzte Handstickmaschine das Dorf. Die edlen Verzierungen sind aber nach wie vor gefragt. Jodel-Clubs und traditionelle Vereine sorgen heute noch mit Aufträgen für schwarze Zahlen.