Eine unerschütterliche Beziehung

Seit 40 Jahren besteht eine Freundschaft zwischen St. Gallen und dem Friaul. Am Donnerstag gedachte der Verein Pro Friuli St. Gallen des verheerenden Erdbebens vom 6. Mai 1976 in der norditalienischen Region.

Margrith Widmer
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Isabella Studer-Geisser Präsidentin «Pro Friuli St. Gallen» (Bild: Urs Bucher)

Isabella Studer-Geisser Präsidentin «Pro Friuli St. Gallen» (Bild: Urs Bucher)

Am 6. Mai 1976 erschütterte ein Erdbeben mit Magnitude 6,5 die Region Friaul eine Minute lang. Das Epizentrum lag am Monte San Simeone. Die Gemeinden Venzone und Gemona wurden am schwersten getroffen. 989 Menschen kamen ums Leben. Schwere Gebäudeschäden gab's auch in Moggio. In den Nachbarländern – vor allem an Orten mit grossen italienischen Gemeinden – bildeten sich spontan Hilfskomitees, wie Walter Lendi, der ehemalige Leiter des Amts für Kultur des Kantons St. Gallen, am Gedenkanlass «40 Jahre Terremoto im Friaul» am Donnerstagabend in der Casa San Antonio sagte. Auf Initiative eines Mitarbeiters des italienischen Konsulats bildete sich in St. Gallen das «Comitato italo-svizzero Pro Friuli di San Gallo».

Ein altes Galluskloster

Kanton, Stadt und Bistum St. Gallen, das Fürstentum Liechtenstein und Private stellten über eine halbe Million Franken für den Wiederaufbau zur Verfügung. Bei einem Augenschein entdeckten die St. Galler dann auch noch das schwer beschädigte ehemalige Galluskloster in Moggio.

Es war 1119 vom damaligen Patriarchen von Aquileia, der gleichzeitig Abt von St. Gallen war, dem Kärntner Ulrich von Eppenstein, gegründet worden. Wahrscheinlich, so Walter Lendi, wirkten damals auch Mönche aus dem Mutterkloster St. Gallen in der Neugründung mit. Im 18. Jahrhundert löste sich die Mönchsgemeinschaft auf.

Dafür entwickelten sich die Beziehungen zwischen St. Gallen und dem Friaul nach dem Erdbeben 1976 umso enger. Das Comitato leistete einen namhaften Beitrag an die Renovation des Klosters in Moggio. Der Kanton St. Gallen gewährte einen Beitrag an die Restaurierung der wertvollen Orgel.

Über die Hilfsaktionen hinaus

Um 1980 waren die Hilfsaktionen für die Erdbebenopfer beendet. Sie wurden mit einem Besuch von Delegationen aus St. Gallen und dem Fürstentum Liechtenstein abgeschlossen. Die entstandenen Freundschaften liessen den Wunsch nach weiteren Beziehungen entstehen. 1984 wurde der «Verein Pro Friuli St. Gallen – Associazione Pro Friuli di San Gallo» gegründet. Erster Präsident war der Textiler Gottlieb Dreier. Dem Gründungspräsidenten folgten Ezio Marchi, Stiftsbibliothekar Peter Ochsenbein und der heutige St. Galler Regierungspräsident Benedikt Würth. Seit 2011 führt Isabella Studer-Geisser den Verein.

Dieser hat inzwischen zahlreiche Projekte realisiert: Kunstausstellungen, wissenschaftliche Tagungen und Austausch von Chören. Die Stadt St. Gallen zog sich zu Beginn der 1980er-Jahre zurück. Bischof Otmar Mäder verbrachte zweimal Ferien in Moggio und spendete 10 000 Franken für die Restaurierung eines Bildstocks in Moggio.

Viele Ähnlichkeiten

Die Präsidentin des Vereins Pro Friuli, Isabella Studer-Geisser, sieht durchaus Parallelen zwischen dem Friaul und St. Gallen. Der Kanton St. Gallen wie die Region Friaul liegen im Nordosten ihrer Länder, sind geprägt durch ein eher unausgeglichenes Klima, Gebirge und flache Gebiete, Schnee und Rebgelände, kunsthistorische und kulinarische Kostbarkeiten. Und die Menschen in beiden Regionen seien eher verschlossen, fleissig und bescheiden, sagt sie.

Der Gedenkanlass in der Casa San Antonio vom Donnerstagabend war ein Erfolg. Die Besucher waren grösstenteils Friulaner; die Musiker spielten friulanische Lieder. Zum einen wurde der Opfer der Katastrophe vor 40 Jahren gedacht. Der Anlass zeige aber auch, wie schreckliche Ereignisse Menschen verbinden könnten. Regierungspräsident Benedikt Würth, der mit einer Friulanerin verheiratet ist, überbrachte die Grussworte des Kantons und versprach seine weitere Unterstützung für dessen Sache.

Das Erdbeben von 1976 forderte in Nordostitalien rund 1000 Tote und über 1500 Verletzte. Weitgehend zerstört wurde auch Gemona im Friaul. (Archivbild: ky)

Das Erdbeben von 1976 forderte in Nordostitalien rund 1000 Tote und über 1500 Verletzte. Weitgehend zerstört wurde auch Gemona im Friaul. (Archivbild: ky)