Eine Treppe als Wandtafel

Das zweite Semester an der Freien Stadtschule am Rosenberg hat angefangen. Sieben Schüler der neuen Privatschule entdecken und erkunden tagtäglich die Stadt – während des Unterrichts.

Lea Müller
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Auf geht's zum nächsten Lernort irgendwo draussen in der Stadt. (Bild: Urs Jaudas (Urs Jaudas))

Auf geht's zum nächsten Lernort irgendwo draussen in der Stadt. (Bild: Urs Jaudas (Urs Jaudas))

Geometrieunterricht auf der Telltreppe. Zwei Fünftklässler mit roten Backen zählen eifrig die Stufen und messen sie mit Hilfe einer Schnur aus. Ziel der Aufgabe ist, Höhe und Länge der Treppe zu berechnen. Und ein Verständnis für Distanzen, Proportionen und Steigungen zu entwickeln. Dass die beiden das ausserhalb ihres Schulzimmers tun, ist keine Seltenheit: Sie sind Schüler der Freien Stadtschule, die im vergangenen Sommer ihren Betrieb in St. Gallen aufgenommen hat.

Lernorte in der Stadt aufsuchen

In der neuen Privatschule wird die Stadt als grosses Schulzimmer betrachtet. «Wir gehen davon aus, dass mehr und vertiefter gelernt wird, wenn die Lernumgebung anregend ist», sagt Schulgründer Peter Fratton. Diese solle aber nicht im Schulzimmer simuliert, sondern im realen Leben draussen aufgesucht werden. Will heissen: Die freien Stadtschüler gehen etwa am Hauptbahnhof der Frage nach, wie viele Menschen zur Arbeit pendeln. Prozentrechnen üben sie an konkreten Beispielen im Schlussverkauf der Läden. Und um etwas über Logistik zu lernen, nehmen sie an einer Stadtführung teil und erfahren so mehr über St. Gallen als Industriestadt. Begleitet werden sie auf ihren Ausflügen von drei Lehrpersonen.

Die Schüler sind aber nicht ständig in der Stadt. Im Gebäude der ehemaligen Neuapostolischen Kirche am Rosenberg hat die Stadtschule provisorische Unterrichtsräume eingerichtet. Dorthin kehren die Kinder jeweils zurück, um das Gelernte zu verarbeiten. Unterrichtssprache ist hauptsächlich Deutsch. Die Freie Stadtschule sei denn auch keine Konkurrenz für die nahegelegene International School, sagt Fratton.

Keine Mädchen in der Gruppe

Am Montag hat in der ehemaligen Kirche bereits das zweite Semester begonnen. Mit sieben Fünft- bis Neuntklässlern ist die Unterrichtsgruppe überschaubar. Und sie wird ohne Ausnahme vom männlichen Geschlecht gebildet: «Das ist Zufall. Unsere Schule eignet sich für Mädchen und Buben», sagt Hauptaktionärin Bettina Würth. «Vielleicht hat unser Konzept Buben stärker angesprochen, weil sie eher das Abenteuer suchen.»

Die Freien Stadtschüler haben viele Freiheiten. Einen klassischen Stundenplan und Hausaufgaben gibt es nicht. Die Kinder entscheiden selbst, wann und wie lange sie an einem sogenannten «Lernjob» arbeiten. Das könnte den einen oder anderen dazu verleiten, auf der faulen Haut zu liegen. «Anfangs haben es einige versucht», verrät Lernbegleiter Stefan Gemperli. Doch spätestens bei den Prüfungen hätten sie gemerkt, dass dies nicht funktioniere. «Mich beeindruckt, wie schnell sie gelernt haben, Eigenverantwortung zu übernehmen.»

Unterricht nach Lehrplan

Anders als es das Attribut im Namen suggerieren mag, ist die Freie Stadtschule nicht ganz unabhängig – auch für sie gilt der Lehrplan des Kantons St. Gallen. Nach dem ersten Semester zieht Schulleiter Stefan Gander zufrieden Bilanz: «Wir sind sehr gut auf Kurs.» Auch bezüglich Schülerzahlen: Für das nächste Schuljahr rechnet er mit etwa 16 Kindern. Manche dürften Töchter oder Söhne von Würth-Mitarbeitenden sein: Im April wird das Ausbildungszentrum der Würth-Gruppe in Rorschach eröffnet. Mit ihm ziehen laut Gander viele Familien mit potenziellen Schülern in die Region.

Zurück ins warme Schulzimmer

Die «freien Stadtbuben» kehren nach einer Stunde von der Telltreppe in die Schule zurück. Nicht ungern. «Draussen sein ist cool, aber heute war es wirklich kalt», sagt einer. Während zwei von ihnen mit einem Lehrer das Mittagessen vorbereiten, werten die anderen an ihren Arbeitsplätzen die Messung aus und verkünden schliesslich: «Die Telltreppe zählt 172 Stufen, ist 62 Meter lang und 23 Meter hoch.»

Im Schulzimmer an der Dufourstrasse 76 wird das Gelernte verarbeitet. (Bild: Urs Jaudas (Urs Jaudas))

Im Schulzimmer an der Dufourstrasse 76 wird das Gelernte verarbeitet. (Bild: Urs Jaudas (Urs Jaudas))

Unterricht in der Stadt: Zwei Schüler der Freien Stadtschule lösen auf der Telltreppe Geometrieaufgaben. (Bilder: Urs Jaudas)

Unterricht in der Stadt: Zwei Schüler der Freien Stadtschule lösen auf der Telltreppe Geometrieaufgaben. (Bilder: Urs Jaudas)